Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 8 (1861-1862)
- Issue
- Heft 10 (Juli 1862)
- Article
- Jüdische Welt- und Lebens-Anschauungen
- Date
- 1862-07-01
- Page
- 476 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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476 Jüdische Welt- und LebmS-Auschartungen. VI. Ich breite dir zu meine Hände ״ Wie ein dürstendes Land ist meine Seele dir, Gott! (Ps. 143.) ״Gott, mein Gott bist du, dich, dich suche ich! Obgleich Ln wüstem Land und ermattet, ohne Wasser, Dürstet doch nur zu dir meine Seele, schmachtet nur zu dir mein Leib. So, wie ich im Heiligthum dich erschaut, deine ewige Macht und Herrlichkeit zu sehn, Daß deine Liebe köstlicher sei als Leben, meine Lippen stets dich priesen, So segne ich dich mein Lebelang, hebe in deinem Namen meine Hände empor Und wie des Fettes und der Fülle fühlt meine Seele sich gesättigt, Und mit jauchzenden Lippen preist mein Mund. — Wenn ich sonst auf ruhigem Lager dein gedachte, Sinne ich jetzt in den Nacht-Wachen dein. Du bist mir schon zum Beistand worden, Im Schatten deiner Fittige jauchze ich. Dir nach hangt unerschütterlich meine Seele Darum halt auch deine Rechte mich —" (Ps. 63.) So der Flüchtling David in der Wüste. Wie aber selbst in ihrer zeitlichen Verbindung mit dem Leibe die Seele nur in Verbindung mit Gott ihre Befriedigung findet, ganz eigentlich der Gottes-Nahe zu ihrer Lebensfreude bedarf, und, so lange sie irdisch lebt, also den Leib in ihrem Dienste beherrscht, daß ste selbst den Leib mit hinein in diese Gottes-Sehnsucht trägt: so geht auch nimmer die Seele in den Leib auf, ste kehrt zu Gott zurück, Gott nimmt ste zu sich, wenn der Leib — zeitweilig — wieder an den Staub zurücksällt: Denkzetchen Davids: ״Hüte mich, Gott! denn in dich habe ich meine Zuversicht gesetzt." Sprachst, als du einst schwach*) warst, zu Gott: Mein Herr bist du freilich, Aber mein Glück ruht nicht bet dir, Ruht bet heiligen Mächten, die in das Irdische htneinragen, *) So hörte Ich diese Feminalform und überhaupt dies Kapitel einst von meinem unvergeßlichen Lehrer VernayS «klären.