Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 8 (1861-1862)
- Issue
- Heft 8 (Mai 1862)
- Article
- Die jüdische Realschule in ihren genetischen und cultur-historischen Beziehungen zum Judenthum und zur Gegenwart
- Date
- 1862-05-01
- Page
- 375 (sequence 7)
- Language
- German
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Von Dr. Mendel Hirsch. 375 biete durch jedes Blatt der Kirchengeschichte als vollständig zutrefsend dokumentirten Bezeichnungen finden auf jüdischem Gebiete durchaus keine Anwendung, weil hier der ihnen zu Grunde liegende Gegensatz zwischen Glauben und Wissen gänzlich fehlt, weil hier auf keiner Seite je von einer jener den Menschen entwürdigenden Forderungen, wie der ״Gefangennahme der Vernunft unter den Glauben" u. s. w., die Rede war noch sein konnte, kurz weil das Judenthum selbst qua Judenthum der entschiedenste Feind all und jeden geistigen Eunuchenthums ist und stets und zu allen Zeiten war. Doch das nur beiläufig.*) Wir werden vielleicht noch im Laufe unserer Darstellung Gelegenheit haben, einige Streifiichter auf gewisse widersinnige und gedankenloS zusammengeworfene Richtungen fallen zu lassen. Wir wollten hier nur vorweg bemerken, daß wir stets nur unter stillschweigendem Protest die Bezeichnungen orthodor und aufgeklärt— denn ist die eine Seite des Gegensatzes nicht vorhanden, so zerfließt 60 1x80 auch die andere — von Parteien und Richtungen auf jüdischem Gebiete gebrauchen. — Den Einen steht das Judenthum als eine göttliche Institution, und demgemäß das Gesetz, denn das Judenthum ist ja wesentlich Gesetz, als ein mit ewiger Verpflichtungskraft begabtes da — den Andern erscheint es als auch ein, von Menschen verfasstes, Gesetzbuch, an dessen Entstehung Priestertrug und falsche Dekretalen nicht den kleinsten Antheil haben. Den Einen ist es der Leitstern ihres Lebens, die Andern kehren ihm verächtlich den Rücken. Nun stellt sich die eigenthümliche Erscheinung heraus, daß in einer nichts weniger als unwichtigen Frage ein Theil der ״Orthodorie" sich in vollendetstem Einverständnisse mit ihren ertremsten Gegnern befindet: in der Frage hinsichtlich des Verhältnisses des Judenthums zu dem Gebiete allgemeiner wissenschaftlicher Erkenntniß. Beiden sind beides zwei einander durchaus fernliegende, ja, je nach den Parteinüancirungen, zu einander in mehr oder minder entschiedenem Gegensatz stehende, sich gegenseitig ausschließende Gebiete. Die Einen geben das Ju- *) Und eben so beiläufig hier im Parterre der Noten der Hinweis, wie mit der Vorstellung ״Orthodoxie" die von Pfaffenthum, Hierarchie, Verfolgungs- und Bekehrungssucht unzertrennlich verwachsen ist, während es keinen bis ins kleinste Detail ausgeprägteren Gegensatz gibt, als den zwischen einem jüdischen ״Kohen" und einem ״Priester". 25*