Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 8 (1861-1862)
- Issue
- Heft 8 (Mai 1862)
- Article
- Die jüdische Realschule in ihren genetischen und cultur-historischen Beziehungen zum Judenthum und zur Gegenwart
- Date
- 1862-05-01
- Page
- 371 (sequence 3)
- Language
- German
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371 Bon vr. Mendel Hirsch. Causalnerus, in einem viel innigern als bisher gewöhnlich geglaubt wird: Da spricht man hüben von der geistigen Impotenz unseres Jahrhundertö, die sich in dem Mangel der Schöpfung selbstständiger philosophischer Systeme manifestire, — da blickt man drüben mit Geringschätzung auf die Schöpfungen der spekulativen Philosophie des vorigen Jahrhunderts, die, ohne die Erkenntniß der Außenwelt als Ziel im Auge zu haben, kühn nur den luftigen Bau ihrer Welt -in und aus dem Gedankenreiche des philosophirenden Ich aufbaute, von der conkreten Wirklichkeit im Allgemeinen nur die Kreise von Erscheinungen und aus diesen Kreisen nur diejenigen Erscheinungen als ״wirklich" mit in Betrachtung zog, die ״in ihren Kram passten" — und läßt dabei, hüben und drüben, das wichtige Moment gänzlich aus dem Auge, daß das Verhältniß beider Entfaltungen der Geisteöthätigkeit zu einander, weit entfernt, ein sich gegenseitig ausschließendes zu sein, vielmehr das ist: daß ohne die mächtige f o r male Bildung, das Werk der spekulativen Philosophie der letzten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts, auch nicht die entfernteste Ahnung von der gewaltigen Ausbeutung und Anwendüng des realen Wissens und der realen Erkenntniß des neunzehnten Jahrhunderts möglich wäre. Es ist vollständig das Verhältniß von Kapital und Arbeit. Die Geistesschätze, in deren Besitz sich die Empirie zum Beginne unseres Jahrhunderts befand, repräsentiren ein ungeheueres Kapital. Oder glaubt man wirklich, daß ohne den geistigen Aufschwung, die großartige Architektonik des Denkens, die Gewöhnung an riesige Conceptionen, kurz ohne die formale Vertiefung jener selbstbewußte systematische Fortschritt, jener methodisch sichere Ausbau der verschiedensten Seiten der empirischen Wissenschaften möglich gewesen wäre? Dem achtzehnten gegenüber gränzt sich in zwei Richtungen, scharf abgesondert die Geistesarbeit des neunzehnten Jahrhunderts ab. Einerseits die Verwerthung des überkommenen reichen Capitals formaler Bildung zur besonnenen Durchforschung der Natur an der Hand einer erleuchteten Empirie, und andererseits, nicht minder scharf ausgeprägt, das Streben, die früher vorzugsweise einer Gelehrtenkaste eigenthümlichen Geisteöschätze möglichst weiten Kreisen zugänglich zu machen, das Streben nach Popularisirung des Wissens, es in seinen Resultaten zum Eigenthum der Gesammtnation zu machen. Die Goldbarren der Wissenschaft in die Verkehrsmünze für das gewöhnliche