Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 8 (1861-1862)
- Issue
- Heft 7 (April 1862)
- Article
- Altjüdische Frömmigkeit
- Date
- 1862-04-01
- Page
- 343 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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I. Das Buch der Frommen. 343 dürfnissen des Lebens gehören. Raw, Rabbenv Hakkadofch's Schüler soll in seinem ganzen Leben kein unnützes Wort gesprochen haben. Jedes unnütze Wort ist eine Versündigung gegen das Gebot: von ihnen, den Worten der Lehre, sprich, aber nicht von andern Dingen. Und selbst bet sonst nöthigen Veranlassungen sprich möglichst wenig; auch in der Lehre der Thora-Wissenschaft suche mit Wenigem Viel zu sagen- Immer, so lehren die Weisen, lehre man die Schüler möglichster Kurze. Viel der Worte und wenig Inhalt ist die Weise der Thoren wie es heißt: Der Thoren Stimme erkennt man an vielem Reden. Der Weisheit Zaun heißt Schweigen. Darum antworte nicht rasch und sprich nicht viel und unterrichte ruhig und in geordneter Rede, sei nicht laut und weitschweifig. Die Worte der Weisen werden in Ruhe vernommen. Schweigend gelingt es dir Gott im Herzen zu fassen. Wer aber unaufhörlich schwatzt, gewinnt den Augenblick nicht wo er seinen inner» Sinn auf's Göttliche richte. Schweigend wächst deine Ehrfurcht vor Gott. Jedes laute Wort schwächt diese Ehrfurcht, denn du vergissest vor wem du stehest. Der Blinde wird auch in Gegenwart des Königs furchtlos fortschwatzen, denn er steht den nicht, vor dem er sich fürchten sollte. Wer aber aus Ehrfurcht vor der steten Gegenwart Gottes schweigt, wird sobald nicht sündigen. Wer mehr spricht als denkt, den übermannt sein Wort; wer mehr denkt als spricht, bleibt seines Wortes Herr. Doch giebt's eine Zeit zu Schweigen und eine Zeit zu reden. Schmäht man dich, beleidigt man dich, spricht man unnützes Zeug, so ist es eine Zeit zu schweigen. Spricht man von Worten des Gesetzcs ist's eine Zeit zu reden. So gilt es auch mit Ermahnungen zu schweigen, wenn man weiß, daß es nichts nützen werde, aber es ist eine Zeit zu reden wenn du Böses verhindern kannst und deine Worte Eindruck machen. 22 (41). Die größte Wächtertn der Lebens- und Sittenweisheit ist die Scham. Gehe zurück auf die Anfänge deiner Tugenden, du findest bei den Meisten als ihre erste, früheste Wurzel: die Scham. 23 (44). Der Mensch ist eine Welt im Kleinen. Wer darum einem