Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 8 (1861-1862)
- Issue
- Heft 7 (April 1862)
- Article
- Altjüdische Frömmigkeit
- Date
- 1862-04-01
- Page
- 337 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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I Das Buch der Frommen. 837 es aber jedem Einsichtigen klar wie die Sonne, daß nur vermittelst der Erkenntniß, die Liebe seines Schöpfers im Menschen diese reine mächtige Höhe aus erreichen kann; darum hat der Mensch diese Erkenntniß auf dem Wege der Wissenschaft und jener Kenntnisse anzustreben, die ihn nach seinen Kräften seinen Herrn und Meister kennen lehren. Es hat uns Gott selbst ja zu dieser Liebe und Ehrfurcht verpflichtet, die eben sofort entspringt, sobald wir über Gotteö große und wundervolle Werke Nachdenken. Es faßt uns dann jene Sehnsucht der Erkenntniß, der David mit den Worten Ausdruck verleiht: meine Seele dürstet zu Gott, zum lebendigen Gott. Zugleich wird ihn aber eben aus diesem Wege Gottes unendlicher Erhabenheit gegenüber das Bewußtsein der eigenen Kleinheit und Unzulänglichkett mit ehrfurchtsvoller Scheu und tiefinnerster Demuth erfüllen, wie ebenso David singt: sehe ich deine Himmel, das Werk deiner Finger — was ist dann der sterbliche Mensch, daß du seiner gedenkest! 13 (1s). Der Fromme ist bescheiden! Wo Ehre und Größe zur Geltung kommt, hält er sich zurück und stellt sich nicht in die Reihe der übrigen. Sitzt er vor seinem Lehrer und erinnert sich einer wissenschaftlichen Frage oder eines Einwurfs, die er erhoben, oder gelöst, so wird er zu seinem Lehrer oder Collegen nicht sagen, ich habe diese Frage aufgeworfen, oder so habe ich sie gelöst, sondern, diese Frage oder Lösung habe ich vernommen, damit er in seinem Inmrn sich nicht selbstgefällig freue, und immer wird er seinem Lehrer oder College« die Ehre lassen. Hat doch selbst Mosis zum Josua gesprochen: Wähle uns Leute! Und von ihm lernte es 9t Gamliel: cs hat mir und meinen Collegen beliebt u. s.w. Spricht doch Gott selber zu Jesatas: wen soll ich senden, wer soll für uns gehen! Daraus haben unsere Meister die Weise der Bescheidcnheit gelernt. (Es heißt aber wohl nur darum nicht: Wen sollen wir senden um nicht dem Scheine einer Pluralität der Gottheit Vorschub zu leisten.) So wird der Bescheidene immer den andern in der Rede voranstellen und nicht sagen: Ich und du, sondern du und ich, wie die Schulen Schammai's und Htllels wenn sie beiderseitige Metnnngen vortrugen, immer die der gegenseitigen Schule zuerst vortrugen. Sitzt er im Lehrhause und weiß einen Einwurf und eine