Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1862-02-01 · Heft 5 (Februar 1862) · p. 237

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
8 (1861-1862)
Issue
Heft 5 (Februar 1862)
Article
Die Kunst schön zu sein und lange zu leben
Date
1862-02-01
Page
237 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2932754-2932905-2932911-2946617--07197-2946668
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Ein Fragment rc. 237 und den Menschen adelnd ist dem gegenüber die Anschauung unserer Weisen. Nach ihnen fällt der Culminationspunkt der Unschuld in diejenige Periode des Lebens, in der zwei einander scheinbar vielfach entgegengesetzte Setten des tnnern Menschen sich einander begegnendie wahre Unschuld paart sich nur mit dem klarsten Verstände und dem wärmsten Herzen. Unschuldig wie zu zwanzig Jahren — jene lichtige Phase des Lebens wo der Verstand reifer als beim siebcnjährtgcn Knaben und Mädchen, wo das Auge geöffnet, die Urthcilskraft geschärft, die Sinne frisch und cmfänglich, wo aber das Herz noch weit ist und warm und die Pulse rascher schlagen und entgegen allem Edlen, wo an den Werth der Tugend noch geglaubt wird, wo die Sinne am empfänglichsten sind und die Eindrücke aller Reize am tiefsten und doch die Selbstbeherrschung und Entsagung für Edles und Hohes noch nicht als Schwärmerei erscheint, wo der Glaube an das Ideale und das ideale Streben noch nicht zum Spott geworden und die Brust noch schwellend von Hoffnungen und siegesfreudiger Thatkraft. — — Unsere Zeit kehrt freilich so ziemlich Alles um. Unsere Kinder sind schon zu sieben Jahren klüger als sie zu zwanzig sein sollten, und zu zwanzig — — Man denke sich unsere zwanzigjährigen Jünglinge, schon zu sieben Jahren ist das Herz unserer Kinder besteckt. Das Laster liegt auf der Straße und der siebenjährige Knabe und das siebenjährige Mädchen weiß, was der hundertjährige Mann und das hundertjährige Weib noch nicht wissen sollten. Unsere Kinder werden früh alt und unsere Junglinge und Jungfrauen lassen sich schon nichts wehr ״vorpredigen" von Edelmuth und Selbstverleugnung — sie sind früh cingeweiht in die Rechnungsskala des Lebens. Den Katechismus giebt man den Kindern in die Hand und da steht freilich noch darin, .wie man Gott fürchten müsse, wie man barmherzig und versöhnlich sein soll, wie man nicht zornig, nicht geizig sein dürfe und alles Andere- Aber das gehört alles nur in das Kinderleben; in dem JünglingSleben und später noch als Mann und als Weib verlernt sich das. Da lernt man einen Dämpfer anlegcn auf das Herz, das zu zwanzig Jahren vielleicht noch von Edelmuth und Milde im Leben zu sprechen wagte, da kommt der Ernst des Lebens und rechnet hem Manne und dem Weibe es vor, daß man die Oekonomie als Rechnungsführer rinzusetzen habe und den Stolz und den Hochmuth als

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.