Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 8 (1861-1862)
- Issue
- Heft 5 (Februar 1862)
- Article
- Die Kunst schön zu sein und lange zu leben
- Date
- 1862-02-01
- Page
- 238 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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238 Dir Kunst schön zu sein und lange zu leben. Schutzwehr. Und so geht man alle Tugenden durch, merzt eine nach der andern aus und es gibt nicht eine einzige Tugend, der man sich rückhaltlos hingeben dürfe. ״Tamim" sein heißt aber eben sich rückhaltlos dem Guten hingeben, ohne erst viel zu rechnen und zu überlegen, ganz sein was׳ man sein will. Unsere Kinder sind reiner und schöner als unsere Jünglinge, denn die Reinheit, die Sittlichkeit und deßhalb auch die Schönheit vermindert sich mit den Jahren. Der Mensch wird nicht schöner im Leben draußen, weil nur ein schöner, reiner Gottesgcist sich ein Engelsbild erzeugen kann. Und ebenso wie das Geheimniß der Schönheit nach der Anschaumig unserer Weisen nicht in den Schönheitsmittelchon liegt, sondern nur von Innen heraus erworben werden kann, so meint die Weisheit unserer — und fast dürfen wir wohl sagen — d e r Weiseu, daß ailch das Recept der Lcbeusverlängerungskunst nicht auf Jahrmärkten von Charlatanen erkauft, von der Arzncikunst abgelauscht werden könne. Wenn wir sie anschauen und fragen wie saugen wir es an lange zu. leben? so bekommen wir ein anderes Recept. Denn wir haben noch nach Abraham und Sara Männer gehabt, die ein langes Leben gelebt und die hat man gefragt, den einen wie den andern: wie bist du so alt geworden, was war das für ein Mittel, wodurch du eine so lange Lebensdauer erlangtesi? Daß dies jedoch nicht etwa die Frage war: ״Nach welchen Bädern bist du gereist, welche Sorte Wein pflegtest du zu trinken, bei welchem Restaurant hast du jeden Tag gespeist, welche Vergnügungen hast du gesucht und gemieden? — sondern, daß es schon dem Fragesteller vollkonnnen klar war, daß es sich um Lebensregeln handle, das geht schon daraus hervor, daß, wenn einige Greise Anstand gcnommen und scherzweise erwiederten: ״Beneidest du mich denn um mein Leben?" — darauf von jenem mit der gewöhnlichen Entschuldigung bei jeder rituellen Anfrage, mit den bet jeder Bitte um Belehrung üblichen Worten erwiedert wird: ״Thorah ist's, der Belehrung sind wir bedürftig!" — Da nntwortct uns zuerst Rabbi Nechunja ben Hakana: ״Wodurch ich so alt geworden bin? Ich habe nie Ehre gesucht in der Herabwürdigung meines Nächsten, nie im Fluchen, nie in der feindseligen Stimmung wider meinen Nächste», nie ist eine solche Stimmung mit mir zu Bett gegangen. Auch war ich nicht so ge-