Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 8 (1861-1862)
- Issue
- Heft 5 (Februar 1862)
- Article
- Die Kunst schön zu sein und lange zu leben
- Date
- 1862-02-01
- Page
- 236 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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236 Die Kunst schön zu sei» und lange zu lebe». der schön erhalten will, der lehre fie — brav und sittlich sein. Das junge Mädchen, der junge Mann, die schön zu sein glauben und schön bleiben möchten aber mich dünkt, sie sind schon nicht schön, wenn sie meinen schön zu sein. Denn dann kommt schon der fatale Pinsel der Eitelkeit und malt einen häßlichen Zug in das schöne Gesicht. Die schöne Seele bildet den schönen Körper, und die Schöne und der Schöne, die schön sein und schön werden möchten, oder vielmehr wir andern Häßlichen — und zu denen dürfen wir uns doch schon rechnen — nun denn, wenn wir schön werden wollen, hüten wir uns nur vor Leidenschaften, vor Sünde. Jeder schöne Gedanke, jedes schöne Gefühl, jeder erhabene Entschluß macht schön, und das Antlitz ist das schönste, auf welchem am wenigsten Leidenschaft, Bosheit, Stolz und Eitelkeit ihre fatale Farbe aufgetragen und ihre fatalen Linien gezogen. Darum ist das Kind das schönste und, meint das Wort der Weisen, daß wenn wir zu zwanzig Jahren tamim, er gelrein, wir zu zwanzig Jahren auch engelschön wie zu sieben Iahren sein würden. Und unschuldig, engelrein, tamim? ״Zu hundert Jahren so unschuldig wie zu zwanzig" — Damit setzt sich die Anschauung unserer Weisen in den schneidendsten Gegensatz zu der herrschenden unsers Jahrhunderts wie aller vvrangegangenen. Sie sagen damit: die Unschuld culminirt nicht in dem Wiegenalter, sondern für die in Wahrheit ״Temimim" in dem Alter von zwanzig Jahren. Die wahre ״Unschuld" kann nur gepaart sein mit der wahrsten treusten Schuldlosigkeit. Ein unschuldiger Mann ist ״tam". Wir haben freilich das Temimim verkehrt und im Worte herabgewürdigt. Nach unserm Sprachgebrauche heißt ein ״guter" Mensch ein Mensch mit dem ״sich leicht fertig werden" ,der sich bei Seite schieben, av dem Gängelbande führen läßt, dem es an aller und jeder Klugheit fehlt, kurz ein ״guter Mann" und eine ״gute Frau" sind gleichbedeutend mit ein einfältiger Mann, eine dumme Frau. Unschuldig sein heißt uns noch ״von Nichts Bösem wissen", zur Sünde noch zu— dumm sein. Es liegt da die so ׳,' arakteristische Ansicht zu Grunde, je mehr der Verstand komme, desto mehr müsse auch das Böse bei dem Menscheu kommen. Pvintirt wird diese tief beschämende Anschauung in der ״heiligen — Einfalt" die von einem gewissen Rcligtvnsbekenntnisse mit einem Glorienscheine umgeben wird. Wie erhaben