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Jeschurun · 1861-12-01 · Heft 3 (Dezember 1861) · p. 115

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
8 (1861-1862)
Issue
Heft 3 (Dezember 1861)
Article
Jüdische Welt- und Lebens-Anschauungen
Date
1861-12-01
Page
115 (sequence 3)
Language
German
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Ein Versuch. 115 im Zusammenhänge ins Bewußtsein zu bringen. Es lebt ja mitten im Strome dieser Anschauungen, steht in unaufhörlicher, nehmender und gebender Wechselbeziehung zu seiner Sprache und Literatur. Durch den Schatz von richtigen oder unrichtigen, klaren oder unklareu Anschauungen, welche die Borfahren in das Wortgepräge der Sprache und in den Gedankeninhalt der Literatur niedergelegt, wirken sie unaufhörlich bildend und verbildend auf den Sohn jedes gegenwärtigen Geschlechtes, dessen Gedanken und Empfindungen sich in der überkommenen Sprache und an diesem überkommenen Schristthum entwickeln und bereichern. Und eben so wirkt jeder lebendige Sohn der Gegenwart zur Vermehrung dieses Schatzes für die Nachkommen bildend oder verbildend, berichtigend oder auf Abwege führend durch Rede oder Schrift meist unbewußt mit. Jedes lebende Volk arbeitet unaufhörlich an dem geistigen Schatz seiner nationalen Welt- und Lebens-Anschauungen, und bat weder Veranlassung noch Zeit über dieselbe zu reflektiren und fie fich durch Reflexion gesondert und im Zusammenhänge zum Bewußtsein zu bringen. Erst wenn Sprache oder Volk oder beide aus dem Reiche der Lebenden geschieden, wird es meistens Bedürfniß der Epigonen oder des den Entwickclungsgängen des menschlichen Geistes nachforschenden Denkers, fich aus der Sprache und Literatur eines untergegangenen Volkes ein Bild seiner Welt- und Lebens-Anschauungen, somit ein Bild seines geistigen wahrhaftigen Wesens zu construiren. Ein einziges Volk und eine einzige Sprache und Literatur nehmen auch in dieser Beziehung eine ganz eigcuthümliche, einzige Stellung ein. Das Volk ist gleichzeitig untergegangen und in ewiger, frischer, unsterblicher Jugend lebendig. Sprache und Literatur sind, wie man sie nennt, gestorben und leben gleichwohl in einer Popularität sondergleichen eben in diesem untergegangcnen frischleb endigen Volke weiter. Ja es trägt das Volk das Bewußtsein einer ihm bevorstehenden Zukunft von einer geistigen, sittlichen Blüthe in sich, . die die blühendste Zeit seiner Vergangenheit und die blühendste Zeit aller vorangegaugenen und gleichzeitigen Nationen weit überstrahlen werde, und trägt zugleich das Bewußtsein in fich, daß diese seine wundergleiche Zuknnftsblüthe eben nur durch die volle Verwirklichung

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