Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 8 (1861-1862)
- Issue
- Heft 3 (Dezember 1861)
- Article
- Jüdische Welt- und Lebens-Anschauungen
- Date
- 1861-12-01
- Page
- 116 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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116 Jüdische Welt- und Lebens-Anschauungen. des ihm in Sprache und Literatur vermachten geistigen Nationalschatzes erreicht werden werde. Wäre daher selbst diese Sprache und diese Literatur gleich allen alten andern Sprachen und Literaturen reines Erzeugniß des Nationalgeistes dieses Volkes, es könnte, gleichwohl wegen dieser Doppelstellung des Volkes und seiner Sprache dem Volke selbst in der Frische einer der Zukunft zublühenden jugendltchen Gegenwart Bedürfniß sein, sich aus dem diese Zukunst bedingenden Vermächtniß einer halbentschwundenen Vergangenheit, diejenigen Welt- und Lebens-Anschauungen wachzurusen, die seinen Zusammenhang mit jener großen Vergangenheit und seine Gelangung ztt jener noch größer» Zukunft vermitteln. Es wird aber dieses Bedürfniß ein um so wahreres sein, je mehr es, eben jener Doppelstcllung wegen, mit einem großen Theile seiner geistigen und socialen Angelegenheiten, einem in ׳ganz andern Anschauungen sich bewegenden und auf ganz andern Voraussetzungen sich entwickelnden Kreise angehört, selbst den lebhaftesten Antheil an diesen Bewegungen und Entwickelungen nimmt und um so mehr Gefahr läuft, dem Geiste jenes alten Vermächtnisses immer mehr und mehr entfremdet zu werden, je größer die Macht und der Einfluß eines jeden gegenwärtigen, selbst untergeordneten Werthes einer Potenz gegenüber zu sein pflegt, die außer diesem unmittelbaren Zusammenhänge mit der conkreten Wirklichkeit der Gegenwart, mehr nur von den zu belebenden Ideen gegenwärtig und wach gehalten zu werden vermag. Es wird aber dieses Bedürfniß zu einer gebieterischen Noth- Wendigkeit, wenn, wie in dem hier besprochenen Falle des jüdischen Volkes, die Sprache und Literatur gar nicht reines Erzeugniß des Nationalgeistes selbst, wenn sie vielmehr ihrem besten und wesentlichsten Theile nach von vorn herein nicht aus dem Volke heraus entstanden, sondern dem Volke als die Schöpfung des Geistes aller Geister gegeben worden, um ihm daraus seinen Nationalgeist zu erzeugen, zu wecken und zu beleben, zu entwickeln und in ewigem Fortschritt veredelnd zu vollenden, wenn der in seiner Sprache und seinem Schriftthum niedergelegte geistige Schatz nicht von dem Volke eine immer größere Berichtigung und Bereicherung zu erwarten hat, sondern vielmehr das Volk durch immer reinere, innigere und vollendetere Aneignung dieses geistigen Schatzes seinen eigenen geistigen