Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 8 (1861-1862)
- Issue
- Heft 3 (Dezember 1861)
- Article
- Jüdische Welt- und Lebens-Anschauungen
- Date
- 1861-12-01
- Page
- 114 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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114 Jüdische Welt- und Lebens-Anschauungen. deutung zuerkennt —,das wird bewußt und unbewußt die Quelleseiner Gedanken und Empfindungen, den Hebel .seiner Worte und Handlungen bilde», das ist auch der geistige innere Mensch, den wir kennen müssen, wenn wir von ihm selbst, von seinem wahrhaftigen Wesen eine wah e Vorstellung haben wollen. Wüßten wir Alles von ihm, sein ganzes äußeres Wesen und Leben, wie er sich kleidet und Wie er wohnt, wie er ißt und trinkt, wie er erwirbt und genießt und kennten seine Lebensschicksale von der Wiege bis'zum letzten Schauselwiers auf sein Grab, allein diese seine innere Welt, sein inneres Leben wäre uns verborgen geblieben, wir kennten seine Welt- und Lebens-Anschauungen nicht: es wäre uns gleichwohl der etgentljche Mensch, von dem wir doch alles zu wissen glaubten, ein unerkanntes Räthscl geblieben. Nicht anders verhält es sich mit unserer Kenntniß von dem Wesen und Leben der Volker. Erst wenn wir ihre Welt- und Lebens-Anschauungen kennen, dürfen wir glauben ein entsprechendes Bild von ihrem wirklichen Wesen zu haben. Alles andere, ihr Entstehen, ihre Blüthe, ihre Kämpfe, ihr Verfall sammt all den geschichtltchen Ereignissen aller dieser Perioden ihres nationalen Dasetns, sind nur im Verhältniß zu dem Gegenstände jener Kenntniß Aeußerltchkesten, die meist eben in jenem inner» Kreis ihrer Welt- und Lebens-Anschauungen ihre Erklärung finden, oder auf diese in ihre,! letzten bedeutsamsten Resultaten fruchtbringend zurückwirken. Denn eben die Summe der einem Volke eigenthümlichen Welt- und Lebens-Anschauungen ist oft die einzige, jedenfalls die wichtigste Hinterlaffenschaft an die Nachwelt, in welcher eine Nation nach ihrem Verschwinden von der Schaubühne der Völker mit mehr oder mtnderer Bedeutsamkeit noch fortlebt. Es sind aber die Sprache und die Literatur eines Volkes die einzigen Quellen, aus welchen eine Kenntniß seiner Welt- und Lebens-Anschauungen zu schöpfen wäre; denn daS Wvrt und die Rede sind die einzigen Momente, in denen sich der Geist und die Empfindungen der Menschen und Völker ausprägcn. So lange ein Volk in seiner Sprache und die Sprache im Volke lebt, wird ihm kaum das Bedürfntß sich von den in seiner Sprache und Literatur gegedenen Welt- und Lebens-Anschauungen ein daraus abgezogenes Bild