Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 7 (1860-1861)
- Issue
- Heft 8 (Mai 1861)
- Article
- Erfahrungen eines Landmannes in der Residenz
- Date
- 1861-05-01
- Page
- 435 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Erfahrungen eines Landmanms in der Residenz. 435 sie leistet im Laden mehr als ich; aber am Sabbath — da dauert es eine Ewigkeit, bis das Haus geordnet — die Kinder in den Putz gebracht sind und bis sie selbst sich in den Sabbathstaat geworfen. Da stehe ich nun schon zwei Stunden — jetzt ist es Mittag — habe,fortwährend tut Laden zu thun und bin wirklich noch nicht so weit gekommen — מוסף beten zu können; öffne ich das Buch — hier wurden wir erst darauf aufmerksam, daß der Mann ein Gebetbuch — kein neues mit Goldschnitt — in der Hand hatte — da höre ich die Schelle und ich muß aus meinem Winkel hinter den Ladentisch." — Wir entfernten uns, nachdem wir dem frommen betenden Sabbathschättdcr die Erfüllung seiner Bitte zugestchert hatten, ich ganz verblüfft über eine Erscheinung, wie ich sie etwa in der Fabelwelt für möglich gehalten hätte, mein Freund mit lächelnder, spöttischer Miene. Wie kannst du, fragte ich meinen Freund, bet solcher Blasphemtclächcln?Jch begreife nur die Möglichkeit, zu weinen oder sich zu ärgern. — Auch ich dachte einst, entgegnete mein Freund, wäre der Gegenstand nicht gar so verwünscht ernst, so müßte man lachen und — ärgerte mich; jetzt aber, da ich die Leerheit und Thorheit des neuen Systems, in welches man das Judenthum gezwängt hat, genauer kennen gelernt und beobachtet habe, jetzt fühle ich höchstens noch Mitleid mit solchen Ignoranten, die sich um ihr Heiligstes haben betrügen lassen. — Bleiben kann ja ein solcher Unsinn unmöglich; es muß den Leuten und vielleicht schon diesem Manne selbst der Wahnsinn klar vor Augen treten, den derjenige damit aussprtcht, indem er in dem Augenblicke, wo er רצה במנוחתנו und מקדש השבת gebetet, vielleicht eine Elle Waare abschneidct oder einen Posten ins Journal etnträgt. Doch hier sind wir an der Hauptpulsader des ganzen geschäftlichen Lebens — an der Börse; und eben ist cs die Zeit, in welcher die Geschäftswelt sich hierher versammelt. Siche da, das Gewühl von Laufenden und Fahrenden, die sich in das Gebäude drängen und die jetzt in aufregender Spannung die telegraphischen Depeschen aus andern Handelsstädten erwarten, um aus dieser nicht etwa Hoffnung für lange Zeit zu schöpfen, nein, nur auf vier und zwanzig Stunden; denn täglich wiederholt sich das Getreide und Gedränge, und je trüber die Aussicht für die Politik, desto ausregender wird die Börse, so daß der Sabbathfeierndc Jude schon einen großen Lohn seiner treuen Gesetzbeobachtung darin findet, an diesem Tage doch vor jeder Aufregung und Spannung geschützt zu sein.