Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 7 (1860-1861)
- Issue
- Heft 8 (Mai 1861)
- Article
- Erfahrungen eines Landmannes in der Residenz
- Date
- 1861-05-01
- Page
- 434 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2932754-2932891-2932900-2945767--06515-2945856- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
434 Erfahrungen eines Landmannesin irr Residenz. sagen und für unerlaubt zu halten, was der Rabbiner selbst gutgeheißen hat? . . Wohl, entgegnete ich, hättest du cs können und sollen; doch ich will nicht mit dir rechten; nach Allein, was ich in den wenigen Stunden hier am Orte erlebt und angefangen habe einznsehen, wie die Erwachsenen sich von den Geistlichen haben um ihre Religion betrügen lassen, kann ich es keinem Knaben deines Alters mehr anrechnen, wenn auch er sich täuschen lassen. Doch beruhige dich; ich werde deinen Vater sprechen und ihn bewegen, diesen schwachvollen Contrakt zu lösen. Ich aber bleibe nicht einen Augenblick län» ger an diesem Orte, als unumgänglich nöthtg, und dir, Freund, gestehe ich, daß ich große Lust hätte, auch den Contrakt meines Sohnes zu brechen; denn mag ihn in seiner Hcimath auch nicht eine so glänzende Laufbahn erwarten, so sieht er doch alle diese Gräuel nicht, die ihn geistig zu verderben drohen. Du magst Recht haben, entgegnete mir mein Freund; doch wollen wir das später bet kälterem Blute reiflicher bedenken. Jetzt laß uns erst unsere Wanderung sortsetzen und neuen Beobachtungen entgegengehen. Wir waren jetzt in dem lebhaftesten Geschäftstheile der Stadt, wo ein Laden an den andern stieß, fast alle mit Firmen versehen, welche jüdische Inhaber verriethen und nur wenige waren geschlossen; wenn wir nicht geschloffene Fenster und offene Thüren für geschlossene Geschäfte gelten lassen wollen. In einer Thüre bemerkte ich einen Mann mit einem Buche in der einen und einem Ellenmaße in der andern Hand; derselbe schien meinen Freund zu kennen: denn er grüßte ihn und ging nach eintgem Zögern auf ihn zu. Ach, lieber Freund, sagte er, Sie nehmen cs mir gewiß nicht übel, wenn ich Sie um eine Gefälligkeit bitte. Ich stehe recht gern zu Diensten erwiederte mein Freund, vorausgesetzt, daß Sie mich nicht für ihr Geschäft verwenden wollen. Gott bewahre, entgegnete jener, dafür kenne ich Sie zu gut, als daß ich derartiges von Ihnen erbitten könnte. Ich möchte Sie vielmehr nur ersuchen, wenn Sie nämlich jetzt, wie ich voraussehe, nach Hause gehen, und!reiner Wohnung vorbsikommen, daß Sie ein Kind zu meiner Frau hinaufschicken und sic bitten lassen, doch möglichst schnell zu mir zu kommen. Man hat zuweilen seine Qual mit den Frauen; die weinige ist eine tüchtige Geschäftsfrau und — die Wahrheit zu gestehen —