Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 7 (1860-1861)
- Issue
- Heft 8 (Mai 1861)
- Article
- Erfahrungen eines Landmannes in der Residenz
- Date
- 1861-05-01
- Page
- 431 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Erfahrungen eines Sandmannes in der Residenz. 431 Zeit und Gelegenheit gestattete. Wir gingen indeß noch nicht in's Freie, — das halten wir für den Nachmittag gespart — sondern zogen eine Wanderung durch die Stadt vor. Gleich beim ersten Hause machte mich mein Freund auf einen Mann aufmerksam, der in der leichtesten Bekleidung und in bequemer Stellung am offenen Fenster seine Cigarre rauchte. Dieser Mann, sagte mein Freund, ist erster Buchhalter, vielleicht auch stiller Theilhaber in einem hiesigen Großhandlungshause, das aber am Sabbath geschlossen ist. Er ist also verurth ilt zu feiern, und wie er feiert, das siehst du. Solltest du aber glauben, daß dieser Mann, als er einst seine Wohnung wechseln mußte, mich in allem Ernste bat, ihm zu sagen, oder für ihn eine zu machen, ob er an dem Tage, an welchem sein Miethcontrakt zu Ende ging, ausziehen dürfe? Auf meine Frage, ob er etwa auf den Sabbath fiele, entgegnete er: Allerdings! doch das bestimmte mich nicht zu der Frage; Sie wissen, wie ich über den Sabbath denke — Ich habe aber im Kalender gefunden, daß wir dann im ״alt Chodesch" (in der zweiten Hälfte des Monats — nach dem Vollmond) sind. Meine Antwort kann dir gleich sein; — genug, der gute Mann zog nicht aus und scheute selbst die Kosten eines Prozesses nicht, um erst nach dem Neumond die neue Wohnung zu beziehen. Und als er sie bezog, wurde auch sogleich ein armer Mann bestellt, der Etwas in der Wohnung lernte und und das wird auch wahrscheinlich Alles bleiben, was je noch von Thora in dieser Wohnung gelernt werden wird, wenn nicht Gott an seinen Kindern ein Wunder thut. — Während dieses Gesprächs waren wir in eine Gegend gelangt, die der eigentliche Sitz des Handels ist, da fanden wir, neben manchen vollkommen geschloffenen Läden, viele offen und mehrere halb offen; d. h. die Fenster waren halb geschlossen. Da hast du wieder, bemerkte mein Freund, einen Beleg für das Besprochene. Die Eigenthümer dieser Läden wissen von der Sabbathfeier so viel, wie ihre Nachbaren von der Sonntagsfeicr und darum halten sie es damit gleich diesen. Daß eine andere Feier dem Juden geboten, haben sie vielleicht nie gehört, oder wenn sie es einmal gehört, ist es durch die sanktionirte Praxis völlig dem Gedächtnisse entrückt. Wenn ich also — hier unterbrach sich mein Freund und zeigte mir einen < Jüngling, der mit der Feder hinter dem Ohre vor einer Laden-