Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1861-05-01 · Heft 8 (Mai 1861) · p. 403

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
7 (1860-1861)
Issue
Heft 8 (Mai 1861)
Article
Die Reform des jüdischen Gottesdienstes
Date
1861-05-01
Page
403 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2932754-2932891-2932900-2945766--06483-2945825
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Von Rabbiner D. Deutsch. 403 schreiten in der Tugend und Frömmigkeit aneifcrn; dazu gehört aber in vorderster Reihe gerade Bescheidenheit und Demuth. Die Worte der H. S.: ״Nicht weil ihr mehr seid mehr als alle Völker hat der Herr an euch Gefallen und euch erwählet, denn ihr seid wenigcr als alle Völker," 5. B. M. 7, 7. interprctircn die Rabbinen dahin: ״Nicht weil ihr euch mehr, sondern weil ihr euch weniger dünkt als alle Völker hat Gott euch auserwählt." Cholin 89, 1. S. Raschi z. St. Demgemäß gesteht auch das Judenthum, im Gegensatze zu anderen Religionen, den Frommen aller Völker die Seligkeit zu, ja, stellt solche Fromme höher als Unsromme in Israel, und bezieht die Auserwählung nur aus die Uebernahme besonderer, schwieriger, religiöser Pflichten, wie auf die Auszeichnung, das uralte Volk der göttlichen Offenbarungslehre zu sein und den hohen Beruf, diese Lehre durch die Welt zu tragen, eine Auszeichnung und einen Beruf, den auch Herr Dr. G. zuzugeben scheint. Wenn derselbe die Vergangenheit beschuldigt, daß in ihr Ansichten dünkelhafter Selbstüberschätzung und geringschätziger Betrachtung Anderer herrschend gewesen; so ist diese Beschuldigung eine unbegründete. Zu keiner Zeit haben die Bessern, Unterrichteten und wahrhaft Frommen in Israel solche Ansichten gehegt; die Rohen und Ununterrtchteten aber des großen Haufens, seien ihrer mehr oder minder, oder gar die Hefe des Volkes zählt hier nicht mit. Wollte man diese berücksichtigen, so müßte man eher das Gebet überhaupt abschaffen, weil es unleugbar ist, daß zu allen Zeiten mit dem Gebete arger Mißbrauch getrieben worden, daß es zu allen Zeiten Betbrüder und Betschwestern gegeben hat, welche heuchlerisch Beten und Singen allein für Frömmigkett gehalten, und gestützt hierauf, sich aller sonstigen Pflichten der Menschlichkeit ledig geglaubt, ja bisweilen sogar heimlich den ärgsten Lastern gefröhnt haben. Wenn er ferner die Gebete beschuldigt, daß in ihnen jene tadclnswerthen Ansichten ihren Ausdruck gefunden, so ist diese Beschuldigung noch weniger begründet. In den Pflichtgebeten kommt — so viel wir sehen können — die Auserwählung in dem Lobspruche über die Thora vor und in den Gebeten für die Festtage. Dort aber heißt es jedesmal: ״Der uns auserwählt aus allen Völkern und uns gegeben seine Thora." ״Du hast uns auöerwählt aus allen Völkern ff. und geheiligt durch deine Gebote;" was eben besagen will, baß die Auserwählung allein

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.