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Jeschurun · 1860-12-01 · Heft 3 (Dezember 1860) · p. 177

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
7 (1860-1861)
Issue
Heft 3 (Dezember 1860)
Article
Kleine Bilder aus der jüdischen Gegenwart
Date
1860-12-01
Page
177 (sequence 7)
Language
German
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Eine Aufgeklärte. 177 füllen, wenn sie am Krankenbette ihres Kindes sitzt, wer zeichnet alle die Züge der hingebendsten Sorgfalt und Liebe, die in einem solchen Augenblicke zu Tage treten; die Löwin der man ihr Junges raubt ist nur ein unvollkommenes Bild des sorgerfülltcn, ängstlich wachenden Mutterauges, der starken liebenden Mutter, die dem Tode seine Beute streitig machen will. Der Rahmen dieser flüchtigen Zeichnung ist zu enge für diesen großen Gegenstand. Mitternacht war vorüber, die beiden Eltern hatten jeden Athemzug ihres kranken Söhnchens ängstlich belauscht. Auf die dringende Bitte deS Mannes hatte sich Frau Cohn entschlossen, ein paar Stunden zu ruhen: aber Ruhe konnte sie nicht finden, der Schlaf floh ihre müden Lider, ihre Gedanken weilten bei dem Lager ihres Kindes. Schon nach einer halben Stunde trat sie wieder in das Krankcnzimmer. ,,Ich kann nicht ruhen," sagte sie zu ihrem Manne, ״die fürchtcrlichsten Gedanken und Vorstellungen treten mir immer vor die Augen. Unser Emil wird sterben, ich weiß es ganz gewiß." Verwundert blickte ihr Mann auf. Wenn auch die Möglichkeit unter den gegenwärtigen Umständen sehr nahe war; Hoffnung bis zum letzten Augenblicke erfüllt doch jedes Gemüth. Diese bestimmte Aeußernng seiner Frau, die in dem Zustande der höchsten Aufgeregtheit sich befand, setzte ihn in Schrecken und Erstaunen. Sie aber fuhr fort, ohne auf den Blick ihrer Mannes zu achten. ״Wir werden unseren Kleinen verlieren; er wird ins Grab gerufen. Folgen muß er; weil schon etwas von ihm begraben ist. Vor acht Tagen war des Pastor's Ernst hier. Erhalte nasse Strümpfe an; ich ließ ihn ein paar von Emil anziehcn. Den andern Tag bekam er die Masern und lag den zweiten Tag auf der Bahre. Die Pastorin hat sich gestern bet mir entschuldigen lassen, daß sie Emils Strümpfe nicht wiedergeschickt hat. In der Verwirrung, die beim Tode ihres Söhnchcns im Hause herrschte, hat man der Leiche Emils Strümpfe angezogen. Die rufen ihn zu sich in's Grab und nur wenn ich die Strümpfe wieder habe, kann Emil gerettet werden. Du mußt sie jetzt gleich herbeischaffen." Alle Vorstellungen des von dieser abergläubischen Befürchtung

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