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Jeschurun · 1860-12-01 · Heft 3 (Dezember 1860) · p. 176

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
7 (1860-1861)
Issue
Heft 3 (Dezember 1860)
Article
Kleine Bilder aus der jüdischen Gegenwart
Date
1860-12-01
Page
176 (sequence 6)
Language
German
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176 Kleine Bilder aus ber jüdischen Gegenwart. ״Ich will zur Synagoge," antwortete Herr Cohn; ״wegen der Masern hat man TchMm angeordnet. ״Deßhalb willst du zur Synagoge?" entgegnete seine Frau erstaunt und fügte spöttisch hinzu: ״ich möchte denn doch wohl den Causalnerus zwischen einem Capttel aus den Psalmen und dem Krankheitsstoff kennen lernen. Die Angst und das Vorurtheil machen die Menschen jetzt ja ganz verrückt. Wenn man rationell verfährt und Präventivmastregeln rechtzeitig anwendet, dann ist die Gefahr nicht so groß, und kommt dennoch das Unglück, nun was will man dagegen machen? Gegen die Naturgesetze kann man nicht ankämpfen, denen unterliegt der Mensch wie das Mineral. Was aber die Synagoge dabei soll, begreife ich wahrhaftig nicht und was du dort willst ist mir noch unerklärlicher. Unsere Kinder sind wohlauf und munter und selbst wenn sie erkrankt wären, so wüßte ich mir durch den König David keine Hülfe zu schaffen." ״Versündige dich nicht," unterbrach Herr Cohn feine Gattin; ״ich weiß schon, daß mit dir hierüber nicht zu streiten ist. Gebe Gott, daß wir seine Hülfe nicht auch für unsere Kleinen anzustehen haben." Herr Cohn begab sich in die Synagoge; seine Frau hatte wieder zur Handarbeit gegriffen, über welche sie aber gedankenvoll hinwegblickte — die letzten Worte ihres Mannes, der Hinweis auf die Gefahren, die auch ihren Kindern bevorstehen könnten, hatte sie nachdenkend gestimmt. Wenn sie fich^ anch vorhin so geistesstark und ihren Grundsätzen conseqnent gezeigt hatte, die Befürchtung, die ihr Mann so offen und ernst ausgesprochen, fiel ihr schwer auf's Herz — und das Mutterherz ist ein cigenthümliches Ding — das ganze Gebäude ihrer philosophischen Betrachtungen stürzte zusammen — sie zitterte für ihre Kinder. Aus ihrem Sinnen wurde sie durch die eintretende Bonne aufgeweckt. ״Frau Cohn," sagte sie, ״wollen sie nicht ein Mal hinüberkomme«. Emil klagt über Kopfschmerzen; die Hände sind fieberheiß." Wie ein Blitzstrahl durchzuckte diese Nachricht die angsterfüllte Mutter. Sie stürzte aus dem Zimmer und eilte in -die Kinderstube, wo sie ihreu jüngsten Liebling mit allen Symptomen der Masern kämpfen fand. Der eiligst herbeigerufene Arzt bestätigte die furchtbare Vermuthung. Wer schildert die Gefühle, die Schrecken, die eine Mutter er-

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