Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 7 (1860-1861)
- Issue
- Heft 3 (Dezember 1860)
- Article
- Kleine Bilder aus der jüdischen Gegenwart
- Date
- 1860-12-01
- Page
- 175 (sequence 5)
- Language
- German
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175 Eine Aufgcllärte., etwa vier Monaten in einer Gesellschaft das Unglück zugestoßen ist, daß , an seinem Platze das Salzfaß umgestoßen wurde? Ich saß gerade neben ihm und er flüsterte mir gleich darauf in's Ohr: gedenken Sie meiner, Frau Cohn, mir steht etwas Schlimmes bevor! Richtig hat ihn der Schlag bet der Probe im Theater gerührt." Die aufmerksame Wirthin hatte inzwischen ihren Gatten ersuchen lassen in den Salon zu kommen, um die Unglückszahl dreizehn in die glückliche vierzehn umzuwandeln. Er trat jetzt gerade herein, bewtllkommente die Gesellschaft und lenkte das Gespräch auf ein anderes Thema. Der Thee gewährte bald wieder seinen gewohnten ruhigen Anblick und verlief gerade so wie alle feinen Theegesellschaften, bis man sich nach Mitternacht trennte. Die Masern grassirten diesen Winter in einer Schrecken erregenden Weise; es gab beinahe kein Haus, welches davon verschont blieb. Täglich forderte die Krankheit ihre Opfer. Jede Mutter zitterte für ihrlKind. Mit. Angst legte mau sich zur Ruhe — zur Ruhe? — welche Mutter könnte ruhen, wo der Todesengel über die Häupter ihrer Lieben schwebt? — und mit Schrecken begann der Tag, der Kunde brachte von den Niederlagen, die während der Nacht die Masern unter der Kinderschaar angertchtet. Wenn der Mensch das Setnige gethan, wenn ärztlicher Rath und die sorgsamste Pflege sich als unzureichend erwiesen, dann rtchtet er das sorgenvolle,- angsterfüllte Auge nach Oben und erwartet von da Hülse und Trost, die ein Sterblicher ihm nicht zu gewähen verm ag. In allen Kirchen wurden Gebete angeordnet für Rettung aus der Noth, für die Erhaltung des theuersten Besitzes — für die Kinder. Auch in der jüdischen Gemeinde versammelte man sich zahlreicher als sonst zur Minchazeit in der Synagoge und vor Beginn des gewöhnlichen Gottesdiesstes betete die Gemeinde für die zagenden, besorgten Elternherzen und das Leben ihrer Kleinen: ״man sagte Tehillim." ״Wo willst du hin?" srug Frau Cohn ihren Mann, den sie zur ungewohnten Stunde aus dem Comptoir in das Wohnzimmer »reten und seinen Pelz anlegen sah."