Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 6 (1859-1860)
- Issue
- Heft 1 (Oktober 1859)
- Article
- Aus einem Briefwechsel über die Psalmen
- Date
- 1859-10-01
- Page
- 24 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2932754-2932877-2932879-2944001--05023-2944057- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
24 Aus einem Briefwechsel über die Psalmen. lung des Orientalischen ihres zeitlichen und räumlichen Ursprungs. Giebt es doch kaum einen andern Kreis von Schriften, in lvelchem der Phantasie so wenig Raum und Nahrung geboten würde, als in den Büchern unserer heiligen Schrift. An Verstand und Herz sind sie gerichtet, für Verstand und Herz sind sie geschrieben. Blumen- Pracht und Bilderreichthum orientalischer Schilderungen, zwischen Traum und Wachen schwebendes phantastisches Dichter-Wort, sich am Ausmalen des Wunderbaren weidende Einbildungskraft kennen sie nicht. Selbst die Wunder, die sic erzählen, ja eben wenn sic Wunder berichten, berichten sic dieselben so plan, so nüchtern, so ganz in dev! Tone des natürlichsten Ereignisses, daß es auch dem blödesten Auge klar sein müßte: Wundersucht und Freude am Wunderbaren haben keinen Theil an diesen Erzählungen; cs wird berichtet weil es geschehen und der Bericht stammt aus dem Kreise Dessen, für den das Wunderbarste mit dem Natürlichsten zusammenfäCt und der uns in dem Lächeln eines Kindes eine ganz ebenso laut redende und Gedanken weckende Offenbarung seiner Wundcrallmacht gegeben haben will, als mit dem Wink, der das Schilfmeer spaltete, oder dem der den Felsen sich in Strömen ergießen ließ. Und nun zumal die Psalmen! Sie hätten sie ebensowohl einen Eichenhain, wie einen Palmenhain nennen können. Denn die Gedanken und Empfindungen, die sie aussprechen und die sie in uns zu wecken bestimmt sind, sind so wenig an Zeit und Oertltchkeit gebunden, sind so sehr eben nur das Reinmenschliche, daß sie ja wie kein anderes Buch sonst fast bereits das allgemeinste Buch der Menschheit geworden und in der Brust der verschiedensten Menschen von verschiedenster Farbe, Abstammung, Alters- und Kulturstufe zu allen Zeiten ein erleuchteudes und veredelndes Echo gefunden. Sic enthalten nichts als Gedanken und Empfindungen von Gott, Menschenberuf, Volksberuf und Menschheitdestimutt'.ng, die ans dem Boden und unter dem Strahle des Züdenthnms in einem der edelsten jüdischen Herzen gezeitigt, zunächst Gemeingut unseres Volkes und fernerhinaus die Bestimmung haben Gemeingut der Gesammtmenschheit zu werden. Und diese Bestimmung, das Gottbewnßtfetn und die Gott zugewandten Gedanken und Empfindungen in der Brust der Menschheit zu wecken, ist kein dem Psalmen-Buch zufällig gewordener Erfolg. Der Mann, in dessen Brust zuerst der Psalmengeist Worte gefunden, aus dessen