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Jeschurun · 1859-10-01 · Heft 1 (Oktober 1859) · p. 23

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
6 (1859-1860)
Issue
Heft 1 (Oktober 1859)
Article
Aus einem Briefwechsel über die Psalmen
Date
1859-10-01
Page
23 (sequence 2)
Language
German
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Aus einem Briefwechsel über die Psalmen. 23 teste Empfindung für die Wahrheiten und Schönheiten der heiligen Schriften hatte, meine jugendlichen Versuche vorzutragen und aus seinem Munde Beifall und Tadel, Belehrung und Förderung zu erhalten — wer war dann glücklicher und seliger als ich! In der That aber dürfen wir nie glauben einen Psalm zu verstehen, so lange wir in ihm nur lose aneinander gereihte Verse erblicken und wir ihn nicht als einheitliches Ganze gleichsam in unserm Innern nachzuschaffen vermögen. Ein jedes wahrhafte wirkliche Lied, das nicht die Kunst, oder vielmehr Künstelei, das ein wahres inneres Leben und ein wahres inneres Bedürfniß erzeugt, trägt — auch wo es nicht unter dem Anhauche des heiligen Gottesgcistes entsteht — einen Kerngedanken, in welchem eben die Fäden der ganzen Dichtung einheitlich zusammenlausen, oder vielmehr von dem sie wie die Strahlen aus einem Mittelpunkt ausgegaugcn. Diesen Gedanken zu finden, ihn so lebendig und gerade von einer solchen Seite innerlich durchzudenken, wie er in der Brust des Sängers gelebt haben muß, ehe er ihn mit solchen Worten, solchen Sätzen, in solcher Folge der Gedanken und Empfindungen, und gerade nur mit solchen Worten, Sätzen und in solcher Folge ausgesprochen, und dann von einem solchen Gedanken aus nun jeden Satz, jedes Wort, jede Wortnüance gerade eben wie sie uns entgegentreten, nicht nur gerechtfertigt, erklärt, sondern in ihrer wahrhaftigsten Wahrheit und Nothwendtgkeit zu begreifen, diese Arbeit, oder vielmehr diese Geistes- und Gemüthsthätigkeit ist eine so selig lohnende, und der ganze Weg zu ihrem Ziele ist ein so weckender und aufräumender für Geist und Gemüth, daß es wohl schwerlich für die Logik der Gedanken und für die Ethik der Empfindungen eine fruchtbringendere Leitung und Läuterung gibt, als den Versuch die Psalmen zu lesen, oder, wie Sie sich ausdrücken ״den Palmenhain der Psalmen zu durchwandeln". Nur, bitte ich den ״Palmenhain^ von vornherein aus ihren Erwartungen beseitigen zu dürfen. Man hat uns so sehr gewohnt, alles aus dem Orient kommende unter dem buntfarbigen Phantafiegewande des ״Oricntalischeu" zu denken und das Charakteristische dieses Orientalischen uns so sehr als ein Compositum von allem Schwülstigen, Uebertriebene», Ucberladeuen, Unnatürlichen, Wunderbaren betrachten gelehrt, daß vielleicht kein Gedanke sich weniger zun> Wegweiser bei dem Lesen unserer heiligen Gottesschriften eignen möchte, als die Vorstel-

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