Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 5 (1858-1859)
- Issue
- Heft 12 (September 1859)
- Article
- Kleine Bilder aus der jüdischen Gegenwart
- Date
- 1859-09-01
- Page
- 654 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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654 Kleine Bilder aus der Mischen Gegenwart. — Ein wahrer Aufruhr entstand in den sonst so stillenStraßen des Fleckens. Alles eilte zum Vorsteher um die Bestätigung des unheilvollen Ereignisses zu erlangen. — Wer hätte gedacht, daß der Rabbiner eS so weit treiben würde, seufzten die Alten; — wir wollen dem Rabbiner schon zeigen, daß wir uns unfern Lehrer nicht nehmen lassen, riefen trotzig mehrere der Jungen. — Die ganze Gemeinde war auf den Beinen und eilte, den Vorstand an der Spitze, nach dem Schulhause. Der Lehrer hatte seine geringen Habseligkeiten in ein Kistchen gepackt, das er sich nachschicken lassen wollte; die nöthigsten Kleidungsstücke waren in ein Bündel zusammengeschnürt. Schweigend durchwanderte er noch ein Mal zum Abschiede die bescheidenen, leeren Räume, in welchen er so lange gewirkt, wo er der Jugend den reichen Schatz des Gottesgesetzes und die Pforten der allgemeinen Bildung eröffnet hatte, wo er gedacht, gestrebt, gewirkt und seine Glückseligkeit gefunden. Das schmerzliche Gefühl des Scheidenö von Allem, was ihm lieb und theuer, trat in seiner ganzen Große an ihn heran und Thränen rollten an dem männlichen, geistvollen Antlitze herab. Er wehrte ihnen nicht, diesen Thränen, — in stummes Nachdenken versunken stand er im Vorzimmer und an seineu Blicken zogen vorüber all die heitern, seligen Momente, die er in Mitten seiner jugendlichen Schaar verlebt. Da öffnete sich dis Thür und in langem Zuge trat die Gemeinde herein. Es war ein langer trauriger Zug; — das Zimmer und die Hausstur konnten ihn nicht aufnehmen, ein großer Theil mußte auf der Straße bleiben. Schmerzlich feierliche Stille herrschte unter den Anwesenden; der Lehrer blickte voller Ueberraschung und Rührung auf die Versammelten und unter diesen wollte sich keiner finden, der das Wort ergriff. Sie waren Alle gekommen um Abschied zu nehmen von dem langjährigen Freunde; Jeder wollte noch ein Mal ein paar Worte mit ihm reden; — aber jetzt, in dem Augenblicke der Trennung, da fühlten sie, baß sie unfähig seien durch Worte auszudrücken, wovon das Herz so voll war; ja die wenigen Kühnen, die vorhin sich vermessen wollten, dem Kreisrabbiner Trotz zu bieten, sie waren am meisten ergriffen — kein Laut unterbrach diesen traurigen Scheidemomeui. Endlich faßte der erste Vorsteher Muth. Er trat zu dem Leh-