Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1859-09-01 · Heft 12 (September 1859) · p. 650

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
5 (1858-1859)
Issue
Heft 12 (September 1859)
Article
Kleine Bilder aus der jüdischen Gegenwart
Date
1859-09-01
Page
650 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2932754-2932863-2932876-2943903--04950-2943963
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

650 Klctne Bilder aus de» Mischen Gegenwart. Der Lehrer der Gemeinde war es, der also redete. Nur der Vorsteher war zugegen. Beide befanden sich in höchster Aufregung. Während diese heftige Gemüthsbewegung dem Vorsteher die Lippen schloß, war sie bei dem Lehrer in jenes Stadium getreten, in welchem bei einem körperlichen Leiden die Heftigkeit des Schmerzes die Thräne in ein furchtbares Lachen verwandelt und statt den Leidenden zu Boden zu werfen, ihn zu den wildesten, grauenhaft lächerlichen Sprüngen zwingt. ״Seht hier das Bubenstück," rief der Lehrer, mit der Hand auf ein mit einem großen Siegel versehenes Schreiben klopfend, ״hier steht es; — ich soll fort, wie ein Verbrecher fort mit Zwangs- Paß. O, es ist ein wahrhaft heiliges Werk, ein Werk der Humanitat und Aufklärung, würdig seines humanen aufgeklärten Urhebers. — Paßt aus, wie er euch nächstens kund geben wird, was er Großes für euch gethan, daß er ftine getreue Heerde, seine liebe Gemeinde von dem Halsstarrigen, bissigen Schäferhunde befreit hat, auf daß euch und euern Kindern der Friede und Segen erblühe, die er so lange gestört hat. Und er wird euch auffordern ihm zu danken, ihr und euere Ktndeskinder, für diese rettende Thai." ״Wann wollt Ihr denn nach Eurer neuen Stelle abreisen?" fragte der Vorsteher in einem Tone, in welchem sich die tiefste Wehmuth ausdrückte. ״Nach meiner neuen Stelle? — meiner neuen Stelle?! — glaubt Ihr, ich werde mich versetzen lassen, werde zu Kreuz kriechen? — Diese neuen Pfaffen wollen es mit uns machen, wie die wirklichen; — glauben ein widerspenstiger Untergebner werde in einer Strafstation kirre. Da haben sie sich geirrt. Wir jüdischen Lehrer sind noch keine Jesuitenzöglinge; wir lassen uns nicht deportiren und maßregeln. Spielen sie die Rolle eines Großinquisitors, fehlen ihnen doch die Ketzer, die sich willig foltern und verbrennen lassen. Aüto-da-fös können sie nicht feiern, sollen sich auch nicht rühmen, einen Sünder bekehrt zu haben. — Furcht habe ich bis jetzt nicht gezeigt; —׳ unser Herr Kreisrabbiner soll nicht das Vergnügen haben, mich jetzt schwanken zu sehen. Ich kann ohne ihn fertig werden. Ich schnüre mein Bündel und gehe außer Landes. — Geht, alter Freund, geht/ wie sprechen uns noch. Ich will doch bem Rabbiner meinen Entschluß pflichtschuldigst mtltheilen und ihm mein-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.