Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 5 (1858-1859)
- Issue
- Heft 6 (März 1859)
- Article
- Culturhistorische Skizzen aus Ungarn
- Date
- 1859-03-01
- Page
- 320 (sequence 6)
- Language
- German
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320 Culturhtstorifche Skizzen aus Ungarn. trägt. Doch sind die meisten dieser neuentstandenen Schulen schwache Erstlinge, die von ihrer unerfahrenen Mutter nicht gehörig gepflegt und genährt werden; Frühlingspflanzen, die noch viel von den Nachtfrosten der Verläumdung und Böswilligkeit, Lenztage, die wohl das Eis der Unempfindlichkeit und Willenlosigkeit schmelzen gemacht, aber noch immer von rauhen Anfeindungen zu leiden haben: Einflüsse, durch die die Wucht, trotz der Geschicklichkeit der Gärtner und der treuen Aufsicht der Wächter, entweder gar nicht, oder doch nur halb zur Reife kommen kann. Viele israelitische Schulen Ungarns befinden sich noch in einem bedauerlichen Zustande. Theils fehlt es an Mitteln, theils an guten Lehrkräften und einer tüchttgen Leitung, größtentheils aber an gutem Willen und an Liebe für die gute Sache; daher aus letzterer Ursache selbst dort, wo Mittel genug vorhanden sind, nichts, gar nichts geschieht. Ich führe hier nur als ein einziges Beispiel die israelitische Gemeinde zu W. an, wo sich das Schulwesen in einem sehr verwahrlosten Zustande befindet, und weder ein gehöriges Schullokal, noch eine ordentliche Leitung, noch das geringste Bestreben diesen Uebeln zu steuern vor- Händen ist. Um diesem Zustande die Krone auszusetzen, wurde setzt, vermöge eines Gemeindebeschlusses, das Honorar der Lehre׳ von 400 fl. C.-M. auf — 300 fl. in österr. Währung herabgesetzt. Ein Riesenfortschritt, der Bewunderung verdient! Die unverheiratheten Lehrer wollten sich diesem löblichen Beschlüsse nicht fügen, und verließen den Ort. Wahrlich ein trauriger Anblick, in einer Gemeinde, wo doch Wohlstand herrscht, wo Luxus so gerne gepflegt und der gebildeteren Klasse anzugehören Anspruch gemacht wird, die Zugend in großer Unwissenheit heranwachsen zu sehen. Zum Schlüsse dieser Skizze wollen wir noch eine Klage berühren und zugleich sehen inwie weit sie eine gerechte ist. Das hebräische Fach, die hebräische Sprache, heißt es, wird jetzt in den Schulen zu wenig gepflegt, zu schwach und gleichgültig behandelt, und wie ein Stiefkind den andern nachgesetzt. Leider ist es nur allznwahr, daß die Sprache, in welcher wir das Wort Gottes vernahmen und seine heiligen Satzungen überliefert bekamen: die Sprache unserer heiligen Thora, dieses unschätzbare Kleinod, bas wir stolz und muthig durch tausend Stürme zu tragen, zu retten und zu wahren wußten, und das uns Belehrung, Trost und Hoffnung in allen Verhältnissen des