Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 5 (1858-1859)
- Issue
- Heft 6 (März 1859)
- Article
- Culturhistorische Skizzen aus Ungarn
- Date
- 1859-03-01
- Page
- 319 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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!AM Von Ignaz Goldstetn. 319 dem andern hingeben zu können, was auch sehr oft, ohne wesentliche Ursache, einigemal während Eines Curses geschah. Ferner konnte er, wenn ihn eben die Lust anwandelte, nach dem Lehrer schicken und sein Sohuchen einer Prüfung unterziehen, zu welcher gewöhnlich der Gevatter Schneider, Hausirer oder Krämer, als Examinator zugezogen wurdet) In Folge ähnlicher Rechte blieb ihm noch der Hauptgenuß, die Hegemonie über sämmtliche Lehrer des Ortes, die er bei solchen Verhältnissen in einer demüthigen Abhängigkeit von sich erhielt und sie stets nach seiner Pfeife tanzen machte. Der Machtspruch der hohen Regierung machte diesem Unwefen ein Ende. Ueberall müssen Schulen errichtet werden und die Winkelschulen, die von nun an aufs strengste verboten sind, aufhören. Die gebildeten und besscrdenkenden Männer wurden nun mit der Organistrung und Leitung der zu errichtenden Schulen betraut. Doch welchen Kampf hatten und haben sie noch jetzt zu bestehen! Welche Hemmnisse wurden und werden ihnen da noch in den Weg gelegt! Sie lassen sich jedoch in ihrem Eifer für die gute Sache nicht zurückschrecken. Auf solche Weise traten allenthalben Schulen ins Leben. Die Jugend wird nun nach dem neuen Unterrichtssysteme unterrichtet, an Ordnung, Anstand und Sittlichkeit sgeschah das etwa früher nichtgewöhnt; die Lehrer sind unabhängig von einzelnen Gemeindegltedernund hören somit auf, der Spielball der Menge zu sein; die Unterrichtszeit ist auf sechs Stunden täglich festgesetzt, außerdem zwei halbe Fertentage in der Woche bestimmt, auf daß sich die Kinder auch körperlich entwickeln und der Lehrer sich von seiner mühsamen Arbeit erholen könne: so gibt sich überall ein neuer Geist, ein neues Leben und Streben im Schulwesen kund, das bereits an vielen Orten die schönsten Früchte *) Anm. d. Ned. Solche häusliche Prüfungen der Schüler bezeugen doch jedenfalls das rege Interesse des Vaters an dem Fortschritt seines Kindes, und wollen wir die Zeiten preisen, in welchen die religiöse Kenntniß so wieder Gemeingut unseres Volkes geworden sein werde, daß ein Vater einen ihm befreundeten ״Schneider", ״Hausirer" oder ״Krämer׳ zur Prüfung seines Kindes herbeibitten könne, um sich von den Fortschritten desselben im Gebiete unseres religiösen Schriftthums zu überzeugen, das eben zum allgemeinen Volksschatz und nicht zum Standesguts einer Gelehrtenkäste bestimmt ist׳ 81•