Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 5 (1858-1859)
- Issue
- Heft 5 (Februar 1859)
- Article
- Kleine Bilder aus der jüdischen Gegenwart
- Date
- 1859-02-01
- Page
- 261 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Ein Opfer. 261 5 | Buchhalter war allerdings auch noch nicht in vorgerückten Jahren.!! Er hieß Levi, war der Sohn eines armen Geschäftsmannes in der E Provinz und bereits seit seinem dreizehnten Jahre im Hause seines! gegenwärtigen Principals. Während seiner zwölfjährige!: Thätigkeit? im Geschäfte hatte er in allen Stellungen, die er dort eingenommen, seine allseitige Tüchtigkeit bewährt und bekleidete nunmehr die Stelle eines Bureauchefs, da sich der Eigenthümer des Geschahtes beinahe nur um die allgemeine Leitung der Unternehmungen bekümmerte, im Uebrigen aber seinen ersten Buchhalter schalten ließ. Dieser stand auch in allgemeiner Achtung und Liebe bei dem ganzen Personale. Trotz der ersten Stellung, die er einnahm und die ihn zu unserem Vorgesetzten machte, verrieth doch sein ganzes Auftreten nicht den geringsten Schein irgend eines Ueberhebens, irgend einer Anmaßung. Er verkehrte mit uns wie mit Collegen und trotzdem wüßte ich mich nicht zu entsinnen, daß auch nur einmal seinen Verj sügungen zuwider gchandelt wäre." ״Mein Chef hatte nur ein einziges Kind, aber es schien als wollte ihm die Vorsehung in dieser einzigen Tochter den reichsten, | vollsten Segen bescheeren, der in der Vaterfreude liegen kann. Schönheit, Bildung des Geistes, Adel der Gesinnung, Sanftmuth — alle diese Eigenschaften vereinigte Julie in hohem Maaße. Kein Wunder, daß die Eltern ihren Liebling vergötterten, und wer wollte zweiflen, daß diese Liebe der Eltern von der Tochter in gleichem Grade erwiedert wurde?" ״Levi hatte sie aufwachsen gesehen. Sie war acht Jahre alt, als er in's Haus kam und das achtjährige Mädchen schloß sich in j schwesterlicher Liebe dem dreizehnjährigen Knaben an, der sich bemühte, durch die hingebendste Aufmerksamkeit gegen die Tochter den Eltern seine Dankbarkeit zu bezeigen." ״Aus dem Knaben wurde ein Mann, das Mädchen erblühte;j zur herrlichen Jungfrau. Er war Buchhalter, Geschäftsführer des | Vaters, sie die Tochter des Hauses. Mochte die Welt hier an- 1 fangen den Unterschied der Lebensstellungen zu begreifen, konnten ׳; auch die Eltern und selbst Levi fühlen, daß sich sein Verhältntß zu! Julie geändert habe, daß sie nicht mehr seine Jugendfreundin, seine E Gespielin sei — sie konnte das nicht begreifen. Sie fuhr fort, Levi j als ihren vertraute!: Freund, als ihren Bruder zu behandeln, und 19