Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 5 (1858-1859)
- Issue
- Heft 5 (Februar 1859)
- Article
- Kleine Bilder aus der jüdischen Gegenwart
- Date
- 1859-02-01
- Page
- 260 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2932754-2932863-2932869-2943210--04377-2943275- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
260 Kleine Bilder aus der jüdischen Gegenwart. s Das feine bleiche Gesicht war mir bekannt vorgekommen. Ich jj mußte es schon ein Mal gesehen haben, obgleich ich mich nicht so \ rasch daraus besinnen konnte, wo das gewesen sein mochte. Ich war i niemals nach B. gekommen; den Namen der Dame horte ich zum f ersten Male. Und dennoch konnte ich mich nicht täuschen. Endlich erinnerte ich mich. Es mußte die ohnmächtige Dame sein, die ich 1 vor drei Jahren auf dem Bahnhose in M. gesehen hatte. Es konnte \ kein Zweifel mehr sein. Das Bild der schönen, bewußtlos daliegenden Frau, das Benehmen meines amerikanischen Gefährten trat in lebhaften Farben vor mein Gedächtniß. Ich theilte meine Vermuthung, die mir zur Gewißheit geworden, meinem Freunde mit. ״Sie werden sich wohl nicht irreil, meinte dieser. Die arme Frau ist seitdem tiefsinnig." Diese Aeußerung steigerte meine Neugierde. ״Sie müssen mir die Geschichte der Unglücklichen erzählen," rief ich lebhaft. ״Das ist eine sehr traurige Geschichte, versetzte Goldthal. Eine Geschichte vom Stolz und Hochmuth. Ich stehe derselben ziemlich nahe. Einer meiner liebsten Freunde spielt darin eine sehr tragische Rolle." Wir waren an eine Gartenwirthschaft angelaugt und ließen und in eine einsame Laube einige Erfrischungen bringen. Nach einer kurzen Weile begann Goldthal. ״Ich war neunzehn Jahre alt, als ich in das große Bankhaus B. & Comp, in L. als Commis eintrat. Der Chef des Hauses war wegen seiner sogenannten freieren Richtung in religiösen Sachen bekannt. Das Comptoir war freilich am Sabbath geschlossen, die Haushaltung noch auf altjüdtschem Fuße eingerichtet — beides aus Rücksicht gegen eine alte Schwiegermutter. Desto mehr brüstete er sich mit feiner aufgeklärten Gesinnung. Sein Steckenpsero aber war über die Stellung des Weibes im alten Judenthume zu raisonniren und daher die moderne Richtung zu preisen, die der Frau Erlösung aus der Sklaverei erkämpft haben solle. Ich habe nicht nöthig, Ihnen all bas Widersinnige und Unwahre zu wiederholen, das er ansührte, wenn man ihn auf dieses sein Lieblingsthema brachte. Sie haben | das Alles wahrscheinlich schon hundert Male gehört und gelesen." — ״Ich arbeitete als jüngster Commis im Comptoir. Unser erster