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Jeschurun · 1859-01-01 · Heft 4 (Januar 1859) · p. 200

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
5 (1858-1859)
Issue
Heft 4 (Januar 1859)
Article
Der Bologneser Kindesraub
Date
1859-01-01
Page
200 (sequence 3)
Language
German
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200 Der Bologneser Kindesraub. Mittagslicht und wahnen, die verkündete Hetleszukunft sei gekommen. Sie überlassen sich sorglos der Freude, jubeln über Aufklärung und Licht, über Freiheit und Recht; — da aber sendet der Leiter der Geschichte seine Boten, die sie aufrütteln aus ihrer Sorglosigkeit, die sie aufschrecken ans ihrem Jubel, die es ihnen klar machen, daß die verheißene Zukunft mit Nichten bereits gekommen. Auch wir leben in einem Jahrhundert, in welchem die Welt jene Zukunft zu begrüßen vermeinte und Söhne unseres Volks haben eingestimmt in diese Huldigung der Zeit; brnstep sich" mit Bildüng und Wissenschaft, mit Kunst und Ärtsklärung, mit vorurtheilsfreiem Sinne und tiefem Geiste, erheben bis zum Himmel das glückltche, große Jahrhundert. ׳' Die mahnenden Boten der Vorsehung aber sind nicht ausgeblieben. Sie hüllen sich in kein schönes Gewand, verbreiten nicht Jubel und Freude auf ihrem Wege; ernst und bedeutungsvoll ist die Mahnung, schmerzlich und trübe die Unterweisung. Diese Boten, es sind die düsteren Ereignisse des Tages, die mit drohendem, warnendem Finger hindeutcn aus den Aberglauben, der nicht entschwunden, auf den Fanatismus, der nicht gewichen, auf das Recht, das noch immer mit Füßen getreten wird. — Ein solcher Bote und Prediger ist auch der Bologneser Kindesraub. Während in einer nordischen Hauptstadt ein protestantischer Geistlicher im Schooße einer religiösen Versammlung die Juden als verstucht erklärte, während an anderen deutschen Orten des Teufels eigne Majestät feierlichst in ihre Rechte wieder installirt ist und hochwichtige Verhandlungen gepflogen werden, um die Ketzerei und Ketzer mit unfehlbarer Gewißheit zu constatiren, ist unter dem ewig lachenden Himmel Italiens von der sich alleinseligmachend dünkenben Kirche eine That der Gewalt, ein Werk des schreiendsten Unrechts, eine Ausgeburt des finstersten Fanatismus, ein Mißbrauch der blind wüthenden Macht geübt worden, daß die Menschheit erbebet. Das heilige Palladium des Vaterhauses hat mau geschändet, die zarten Bande der Familie hohnlachend zerrissen, das erhabene Recht des Gewissens schnöde entweiht. Ein jüdisches Kind hat man geraubt, hat cs gerissen von dem Schooße der Eltern — um cs zum Verräther zu machen an seinem väterlichen Heiltgthum. Den

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