Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 5 (1858-1859)
- Issue
- Heft 3 (Dezember 1858)
- Article
- Nach Jerusalem! [Rezension]
- Date
- 1858-12-01
- Page
- 154 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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154 ״Nach Jerusalem!" Wir sollten doch annehmen, ehe man z. B. über beinahe tausend Menschen ein solches Urthcil wagen dürfte, wie Herr Frankl sich über die Peruschim ausläßt, nämlich: ״fanatisch, bigott, intolerant, streitsüchtig und in Wahrheit nicht religiös, ist ihnen der Schein und die Beobachtung der Ceremontalgesetze Alles, die Moral wenig, die Sitte nichts", müßte man sich doch zuvor mindestens etwas vertrauter mit Personen und Verhältnissen gemacht haben, als solches während eines vicrzigtägtgen Aufenthalts möglich ist. Aber freilich ist es recht angenehm und befriedigt die gereizte Stimmung wett mehr, wenn man eine ganze Bevölkerung, der man feind zu sein sich berechtigt glaubt, in den Augen der Welt als eine Rotte Müsstggänger, Heuchler und Wüstlinge darstellt, als wenn man sich bemüht die Wahrheit und nur die Wahrheit zu erkennen und zu berichten. Wir ehren ein offenes Wort, ein strenges, unparteiisches Urtheil und wenn es auch tausend liebgewordene Illusionen zerstörte, und wenn es auch von dem, was wir bis jetzt mit Pietät betrachtet, den Schleier herabzöge und uns die nackte Wirklichkeit in noch so Schauer erregendem Anblick zeigte. Aber nrmmer wird es einer Schrift wie der vorliegenden gelingen, sich die Anerkennung der Wahrhaftigkeit zu erwerben. Der Verfasser tischt uns verschiedene Anekdoten, von deren Wahrheit er sich doch in der That nicht überzeugen konnte, die er aus der Chronique scandaleuse vielleicht von irgend einer entgegenstehenden Seite erfahren, als Belege auf. Er macht uns aber selbst aus die verschiedenen Parteien in Jerusalem aufmerksam, erzählt selbst von den dort herrschenden Spaltungen, so daß der Gedanke sehr nahe liegt, daß es denn auch in Jerusalem, so gut wie in Wien, vielleicht Menschen geben könnte, die mit Vergnügen bereit sind, von den ihrer Partei Gegenüberstehenden eben nichts Gutes zu erzählen; und was ein solches Gerede für einen Werth hat, weiß man nachgerade überall. Selbst wenn aber auch die Wahrheit dieser einzelnen Histörchen nicht in Abrede gestellt werden könnte, wo existtrt das Recht, von einzelnen Menschen aus die Gesammthett zu schließen? Herr Frankl sollte als Arzt doch wissen, daß die Eigenthümlichkeit des Geschlechts wohl bei den Ein-