Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 5 (1858-1859)
- Issue
- Heft 3 (Dezember 1858)
- Article
- Nach Jerusalem! [Rezension]
- Date
- 1858-12-01
- Page
- 153 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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״Nach Jerusalem!" »on L»dw. Aug. Frankl. 153 wir ihr ohne Weiters Glauben schenken? Nehmen wir nun aber noch an, dieser Chinese hätte die Absicht für Zopfwesen und Mandarinenthum Propaganda zu machen. Erwäreaber schlau genug, dieses nicht geradezu auszusprechen; um sich fürs Erste einen Anhang zu schaffen, bemäntelte er vielmehr sein Vorhaben; er rollte den Zopf vorsichtig unter den Hut, ließe das Bambusrohr behutsam zu Hanse, predigte statt dessen von europäischer Bildung und schimpfte gar auf Zopf und Mändartnenunwesen. So gelänge es ihm denn auch einige Unerfahrene und Schwachköpfe zu täuschen, Andere aber durchschauten seinen Plan und nähmen keinen Anstand, öffentlich und in seiner Gegenwart denselben zu verkünden. Sic zeigten der Welt den verfleckt gehaltenen Zopf und warnten davor. Dieser Chinese berichtete nun von Europa und seinen Erlebnissen und theilte uns namentlich von diesen Männern mit, sie seien fanatisch, bigott, unsittlich — würden wir da wohl geneigt sein, diesen Bericht als lautere Wahrheit zu betrachten, selbst wenn unser chinesischer Reisender aufs Heiligste versicherte, er erzähle nur die Wahrheit, die nackte, ungeschminkte Wahrheit? Was sollen wir nun von Herrn Fraukl's Bericht über Jerusalem und die dortigen Juden halten? Vierzig Tage war er dort; die sämmtlichen Verhältnisse ,sind ihm bis jetzt fremd gewesen; Lebensweise und Sitten weichen von den heimischen bedeutend ab; außerdem fühlt er sich in einem Grade von den dortigen Juden beleidigt, daß er sich ״die Dornen des Martyriums" erworben zu ' haben glaubt, daß er in einem Gedichte JehudaHallewi, den er in ungeheuchclter Bescheidenheit als seinen College» und Liederbruder begrüßt, glücklich preist, weil nur ein Lanzenstoß ihn vor Jerusalem getroffen, ihm aber hier tausend durch die Seele gingen. Wer wüßte nicht, wie schwer es hält, sich auch nur in einer fremden Stadt zurechte zu finden, wie lange es dauert, ehe man sich eine genaue Kenntniß der Personen und Familien erworben? Nun aber in einem fremden Weltiheile, in einer Bevölkerung, die aus den verschiedensten Elementen zusammengesetzt ist, dabei kaum der Sprache mächtig, 'überdies von Widerwillen, von Haß gegen die Bewohner erfüllt — da dürft ten wir berechtigt sein, auf unbestechliche Wahrheit, auf einen vorurtheilssreien 'Bericht zu hoffen, 'da könnten wir Alles - glauben, was uns Herr Frankl erzählt?!