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Jeschurun · 1858-11-01 · Heft 2 (November 1858) · p. 90

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
5 (1858-1859)
Issue
Heft 2 (November 1858)
Article
Federzeichnungen
Date
1858-11-01
Page
90 (sequence 4)
Language
German
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90 Federzeichnungen. eine ganze Woche dauerte die Feier der Hochzeit; der Mann ließ das Geschäft ruhen und lebte nur des freudigen Beisammenseins mit seiner jungen Gattin. Wenn alles Dieses darauf berechnet war, die Neuvermählten heiter hinausschauen zu lassen in die Zukunft, sie den ganzen Werth der Häuslichkeit, den vollen Segen begreifen zu lassen, der aus der innigen Herzensvereinigung des Mannes und des Weibes erwächst, so war auch das Leben, wie uns die Geschichte lehrt, in der That ein solches, in welchem sich diese Innigkeit der Zuneigung, diese Freude an einander und durch einander bewahrheitete. Alles konnte man uns nehmen, was sonst des Menschen irdisches Glück auszumachen pflegt, und man hat das gcthan; man hat unsere Hütten uiedergebrannt, unser Eigenthum geraubt, unsere Ehre geschändet; man hat uns htngestellt das als Zielblatt des Spottes und Hohns eines jeden Gassenbuben und wir durften uns nicht bewegen; unsere Kinder mordete man und trieb uns hinweg von dem Orte der Gräber unserer Eltern und der Wiege unserer Kindheit; — eins hat man uns nicht rauben können und das ist unser Haus. Darum waren wir reich, trotz unserer Armuth, frei, trotz unserer Sklaverei, stolz, trotz der Verachtung, heiter und froh, trotz allen Elends und Jammers; waren reicher, freier, stolzer, froher und glücklicher als die ganze Welt um uns, die uns mit Fußtritten und Speichelwurf begrüßte. Während der feindliche Bruder uns den Kelch des Elendes bis zur Neige trinken ließ und immer neue Schmach und neuen Druck für uns ersann, lächelte in den verfallenen Hütten der schmutztgen Judengasse uns ein Strahl der innigsten Glückseligkeit, des heitersten Frohsinns, um den der in Purpur geschmückte Kaiser seineu zerlumpten ״Kammerknecht" beneiden durfte. < Unsere moderne Anschauung freilich lächelt mitleidig über die alte, langweilige Feier der Hochzeit und dünkt sich mit den neuen Feier-Gebräuchen gewaltig erhaben über die Alten. Was jedoch dem Zwecke der Hansesgründung entsprechender ist, die alte oder moderne Hochzeitsfeter; wenn das junge Paar durch das siebentägige ungestörte Beisammensein im neuen eignen heimischen Kreise sich enger an einander anschließt und den Werth der Häuslichkeit recht empfiuden lernt, oder wenn es die Hansesgründung damit beginnt, gar kein Haus und keine Häuslichkeit zu besitzen, wenn es nach kaum

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