Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1858-09-01 · Heft 12 (September 1858) · p. 624

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
4 (1857-1858)
Issue
Heft 12 (September 1858)
Article
Grundlinien einer jüdischen Symbolik
Date
1858-09-01
Page
624 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2932754-2932849-2932862-2942688--03927-2942734
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Ö24 Grundlinien einer! jüdischen Symbolik. 7. Milah. י Wo 'hat der Mensch feinen Gott zu suchen? -- Die Religion, deren Mutter das sogenannte ״Abhängigkeitsgefühl" ist, wies und weist den Menschen in die Nacht. Sie läßt den Menschen da Gott finden, wo er sich verliert. Sie stellt den Menschen an die Grenze seiner Herrschaft, zeigt ihm, wie er mit all seiner Prunkenden Große doch nackt ist und friert und ein armseliges Spiel ist aller der dunklen Gewalten, die ihn schadend und hohnlachend umgeben. Den kurzen Tag seines Lebens ringt er ihnen kämpfend ab, aber an der Gränze eines jeden Sonnentags warten sie seiner, und am Ende seines Lebenstages empfangen sie , ihn als. sichere Beute. Sie läßt ihn seine Ohnmacht, seine Gebrechlichkeit, seine Krankheit, feinen Tod, seine Verwesung schauen, sie lehrt ihn sich als Leiche und Moder fühlen, und aus diesem;'Gefühl seiner Armseligkeit und Ohnmacht .heraus läßt sie ihn die höheren Mächte fühlen, die ihn bewältigen, läßt sie ihn sodann die noch höhere Macht wünschen und ans diesem Wunsche glauben, die ihn aus den Banden dieser feindlichen Mächte rette. Und sie begnügt sich nicht damit, dem Menschen die seinem Glücke und seiner Freiheit feindlichen Mächte rings um ihn zu zeigen, die eigene Brust reißt sie ihm auf und zeigt ihm das zitternde Herz selber in der Gewalt jener feindlichen Mächte, zeigt ihm die Nachtgeister der Leidenschaft und Bosheit in der eigenen Brust, daß der Mensch sich vor sich selher entsetze und mit Grausen vor der Nacht draußen und innen Rettung von den dämonischen Gewalten — an ihren Altären suche. Darum baut sie gerne ihre Tempel über die Gräber des Todes, feiert ihre heiligsten Mysterien gerne in der Nacht und ihre inbrünstigsten Gebete sind ein Nothschret vor der Gewalt des ״Bösen" in der Welt und dem eigenen Herzen. Es ist eben die Passivität, die Nachtseite des Menschendaseins, mit welcher sie die Menschen an das Göttliche ״bindet". Das Judenthum, das keine ״Religion" ist, ruft den Menschen in den vollen, lichten Tag hin, zeigt ihm seine Herrschaft über die Welt um ihn und in ihm/ läßt ihn seiner freien göttlichen Kraft inne werden, mit welcher er sich die Welt, die ihn umgibt, und die Welt seines eigenen Busens zu unterwerfen vermag, und zeigt ihm den Einen, Einzigen, freien allmächtigen Gott, der mit seiner freien Allmacht die Welt um ihn

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.