Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 4 (1857-1858)
- Issue
- Heft 12 (September 1858)
- Article
- Elul
- Date
- 1858-09-01
- Page
- 616 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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616 ©lut־ heitern Morgenröthe zu winken schien, da jubelten sie dem nicht wie der bereits errungenen Erlösung entgegen und tilgten nicht rasch die Spuren der Thränen und Seufzer, die die Väter in ihre Gebetbücher geweint. Sie kannten das wandelnde Geschick, das sich an die Launen der Interessen der Sterblichen knüpft. Nicht von Menschen erwarteten sie ihrMeil. Auf Gott war ihr Blick gewandt; so lange er die Seinen noch nicht unter seinen Gnadenfittig wieder gesammelt, so lange Er ״die Thräne nicht von jedem Antlitz getrocknet und die Schmach und die Verkennung seines Volkes von der Erde nicht getilgt", so lange, meinten sie, sei das Galuth nicht zu Ende —־ so lange sei Besserung! und ewige Besserung! die Mahnung, die das Geschick an uns predigt — und aus diesem Bewußtsein heraus dichteten sie ihr Wort. Es liegt aber eine unendlich überwältigende Kraft in dieser nationalen Stimmung unserer Selichoth. Sie machen die Schuld eines jeden Einzelnen verantwortlich für das nationale Unglück, das, wo immer auch, auf unserer Gesammtheit lastet; sie klagen den Leichtsinn, die Sünde, die sittliche Mangelhaftigkeit und die Psiichtvergessenhett eines jeden Einzelnen an für die Thränen, die Jakobs Wangen netzen, für die Schmach, die Juda's Heiligthümcr deckt. Ihnen ist die jüdische Gesammtheit keine leere Abstraktion, das ntrgends seine konkreten Träger hätte, sie fassen die Gesammtheit in jedem Einzelne» ihrer Glieder, sie befinden sich überall in dem Mittelpunkte der Nation, jeder Jude, jede Jüdin ist ihnen kein Jndtviduum, ist ihnen nur ein Bruchtheil des Ganzen, כל ישראל ערבים זה לזה denken sie, und sprechen zu jedem Einzelnen: bessere dich, auf daß du Israel und die Schechinah ans dem Galuth erlösest. Und sollen wir diese nationale Stimmung unserer םלירווח nicht zu der unsrigen machen, sollen wir eben in der Zeit der Vorberettun g für den ernsten Tag der Rechenschaft und der Verantwortung uns nicht mit dem ganzen Gewicht der Verantwortlichkeit erfüllen, die wir mit jedem unserer Schritte nicht nur für das eigene Heil, sonder» für das Heil unserer Gesammtheit tragen? O, das Erloschen dieses jüdischen Nationalbewußtseins, das Ersterben dieses Gesammtheitsgefühls, wäre schon eine schwere Verirrung unserer Tage, um so schwerer, je mehr die Leiden unserer Gesammtheit aus dem Gebiete der materiellen Interessen in das geistige Gebiet unseres