Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 4 (1857-1858)
- Issue
- Heft 11 (August 1858)
- Article
- Federzeichnungen
- Date
- 1858-08-01
- Page
- 586 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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586 Federzeichnungen. folgung der ewigen Gesetze, die der Urheber der Welt dem Leben und der Entwickelung eines jeden Geschöpfes vorgeschrieben. Nimm die Blume fort ans dem Erdboden und bringe sie durch unnatürliche Mittel zur Blüthe: matt glänzen ihre Farben und nur wenige Augenblicke, fo ist sie verwelkt; zwinge die Triebe dcS Thiers in naturwidriger Weise: entkräftet ist sein Geschlecht. Dem Gesetze, dem die Pflanze, das Thier ohne Wissen und Willen folgen, soll sich der Mensch aber nach freier Wahl bewußt fügen. Wie die Pflanze, das Thier die Entwickelung ihres Daseins und die Benutzung ihrer Anlagen und Kräfte nur auf die ihrer Natur entsprechende Weise suchen, so soll auch der Mensch nicht abwetchen von dem Gesetze, dessen Worte mit Flammenschrift in der Brust eines Jeden verzeichnet sind. Nichts rächt sich schrecklicher, als die Außerachtlassung dieses Gesetzes. Der Scheitel sollte erst im siebten Jahrzehnt bleichen, die Brust nur der Last der Jahre sich beugen, die Kraft erst im Alter schwinden; die Zeit der Kraft und Rüstigkeit nimmt aber die Stelle des Alters ein und wir sehen Greise zu viernndzwanzig Jahren mit kahlem Schädel, mit gesenkter Brust in ohnmächtiger Kraft am Stabe schleichen. Schwelgen ist nicht Genießen, Ausschweifung nicht Leben. Wem es das aber ja ist, wer die ihm von Gott verliehenen Reize in unnatürlicher Ausgelassenheit befriedigt, wer die ihm von der allgütigen Vorsicht geschenkte Kraft in Uebermnth vergeudet, der genießt nicht, der hat keine Freude; der zerschmettert in einem kurzen, tollen Rausch das Gefäß der göttlichen wahrhaften Freude, der zerstört sich selber im wilden Taumel die Früchte, von denen er sein lebelang genießen sollte. In der ersten Blüthe der Jahre ist er stumpf und gealtert; nicht wie Einer, der gelebt hat und nun ruhig und ergeben wartet, bis die Uhr seines hieniedtgen Daseins abgelanfen, sondem ״blasirt", ohne zu wissen, was Leben heißt, ohne jemals genoffen zu haben. Und da wähne Keiner, man könne ja auch ein Mal, nur ein einziges Mal ״mttmachen״, was die heutige Jugend Genuß nennt; es werde ja dieses eine Mal Nichts schaden. Täusche sich Niemand; wer ein Mal und wäre cs nur ein Mal gekostet hat von dem giftigen Becher unreiner Lust, der hat zugleich damit seine Seelenreinheit eingebüßt. Wer den heiligen Abscheu vor solchem Genuß ver-