Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 4 (1857-1858)
- Issue
- Heft 10 (Juli 1858)
- Article
- Zur jüdischen Schulfrage
- Date
- 1858-07-01
- Page
- 527 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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von vr. M. Hirsch. 527 frei und ungehindert in ihm kreisen und auf und nieder steigen, vermag er sic zu zeitigen und zur Blüthe zu führen. Dann, aber auch nur dann, öffnet in ihr der Baum sich überall, auf höchstem Wipfel wie auf bescheidenem Zweige, den! Universum, Duft ansathmend, Leben einathmend. Der kleinsten Pflanze kleinster Blüthcnkelch darf sich nur öffnen, und nie fehlt der Thauestrvpfen, in dem sich Berg und Wald und Flur abspicgeln und der blaue Himmel und Gottes machtige Sonne, — so im bescheidenen Usob, so in der Ceder auf Libanon. Ganz ebenso verhält es sich mit den Schulen. Das Ziel einer jeden kann und sott Bildung sein/ dies Ziel kann sie erreichen und hat es stets anzusirebcu, wie groß und gering auch das AnSmaaß des Lehrstoffes sei, den sie ihren Schülern entgegenbringt. Wir sind weit davon entfernt leugnen zu wollen, daß die Tiefe und Gediegenheit der Bildung eines Menschen in einem gewissen Verhältnisse stehe zu dem Schatze von Wissen, dessen er theilhaftig geworden, vielmehr wird je größer dieser, desto tiefer rnrd gediegener sein können: sie ist jedoch weder die unmittelbare und von selbst eintretende Folge, noch läßt sich irgend ein bestimmter Höhegrad des Wissens als ausschließliche Vorbedingung der Bildung festsetzen. Daß aber von Seiten der Schule das ihrige geschehe, damit das Viele oder Wenige, das sie ihren Schülern mittheilt, kein todtes Wissen bleibe, daß es vielmehr ״lebendig erfaßt, nun auch in ihnen aufgehe, anregend, weckend, belebend, ein Momeut der geistigen Entwickelung, die Grundlage immer weiteren Fortschreitcns",*) daß mit einem Worte das Wissen sich zur Blüthe der Bildung entfalte: diese Forderung suchten wir Zu unserem ersten Artikel geltend zu machen. Wenn sie in Beziehung auf jedes Wissen zu stellen, so tritt sic mit dreifach zwingender Macht in Beziehung auf jede Erkenntniß auf, die einen gestaltenden Einfluß auf Geist und Gemüth beansprucht und nur in ihrer Bethätigung ihre Verwirklichung findet. Denn wird dieser Forderung nicht genügt, so kann auf andern Gebieten des Wissens schon das bloß mitgetheilte Gegenständliche als eine Bereicherung angesehen werden; Erkenntnisse der lehtern Art sind jedoch in diesem Falle völlig werthlos. Erschien daher vor Allem die gesammte Lebensanschauung als der ״Spiegel alles im Menschen geistig gewordenen, als ׳' *) Zur jüdischen Schnlsrage 1, S. 92.