Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 4 (1857-1858)
- Issue
- Heft 9 (Juni 1858)
- Article
- Grundlinien der jüdischen Symbolik
- Date
- 1858-06-01
- Page
- 456 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2932754-2932849-2932859-2942381--03678-2942423- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
456 Grundlinien einer jüdischen Symbolik. meinem Angesichte, wandle vor meinem Angesicht mit deinem ganzen Wesen, entziehe keine Seite deines Wesens diesem Wandel vor Gott; oder eS steht als eine zweite׳Anforderung, alle Kräfte nnd Strebungen seines Wesens ausnahmloS Gott unterznordnen. In dem einen oder andern Falle ist cs die Forderung sittlicher Ganzheit, harmontscher Beherrschung und Leitung aller Strebungen und Kräfte. Zweimal sehen wir eine solche Anforderung an Abrani ergehen, die eine steht am Anfang seiner Berufung, die andere am Beginn des letzten Stadiums seines Lebens. Jene lautet: 'לך לך מארצך וגו ׳והיה ברכה, diese: התהלך לפני והיה חמים, jene reißt Abram ans dem bürgerlichen Zusammhangc mit all«! übrigen Zeitgenossen und — während alle übrigen nur dem ehrsüchtigen Egoismus dienten, der den Thurm seines Ruhms baut, נעשה לנו שכם — setzt sie Abram die Aufgabe: werde Segen! Lebe nicht für dich, sondern für Andere, erkenne du deinen Beruf darin, das Heil Anderer zu fordern, wo und wie du kannst; diese — nach einem bereits neunundncunztgjährtgen segensreichen Leben — ruft Abram mit seinem Einzelwesen vor Gott hin und spricht zu ihm: sei ganz! nnd fordert von ihm die sittliche ganze Vollendung seines Wesens vor Gott. Es muß also die segensreichste Menschenfreundlichkeit, die das bisherige lange Leben Abrams in seinen Beziehungen zu all seinen Mitmenschen bewährte, noch nickt für das Verhältniß genügen, das mit dem letzten Stadium seines Lebens, seine Berufung krönend, begründet werden sollte. Es muß also eine sittliche Vollendung geben, die erst den letzten Grundstein zu dem Gebäude bildet, welches Gott mit Abram in der Mitte der Menschheit aufführen wollte, eine sittliche Vollendung, die mit der uneigennützigsten Menschenliebe und Hingebung noch keineswegs erschöpft ist, die auch da die sittliche Arbeit an sich selber fordert, wo der Mensch nicht im Kreise seiner Brüder, wo der Mensch ganz allein vor Gott steht. — Denn in der That, die Erkenntniß Gottes, als des allein ge-!lügenden, Allem das Genug setzenden, freien, allmächtigen Gottes und das Wandeln vor seinem Angesichte mit dem ganzen Wesen, diese freie völlige Dahingebung an ihn, wird hier als Vorbedingung eines Bündnisses gesetzt, welches Gott mit Abram schließen wollte. ״Führe dich vor meinem Angesicht und sei ganz; so möchte ich mein Bündniß geben zwischen mir und dir und dich sehr, sehr viel