Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 4 (1857-1858)
- Issue
- Heft 4 (Januar 1858)
- Article
- Die gute alte Zeit
- Date
- 1858-01-01
- Page
- 204 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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204 Die gute alte Zeit. Auch Wir beklagen tief den Verrath «nd Abfall, der in unserm eignen Innersten geübt wird; auch unser Herz wird schmerzlich bewegt von der Zerfahrenheit und Halbheit der jüdischen Gegenwart; auch wir erblicken in tiefem Schmerze die ganze Erbärmlichkeit, die uns an so.manchen Orten, in so manchen Verhältnissen entgegentritt; auch wir weinen über den Verfall der Thora und die Entfremdung, vieler unserer Brüder und Kinder und wir am allerwenigsten wollen über alles dieses hinwegsehen und schweigen. — Aber kann uns dieses, darf es uns zu dem Wunsche Hinreißen nach ״der׳ guten, alten Zeit"; ist hier dieser Wunsch ein'berechtigter? Dürfen wir blind sein für die erhabene Sendung unsrer selbst und unsres hohen, heiligen Gesetzes? Dürfen wir unser Auge verschließen für die großen Gänge der Geschichte? Nirgends in der ganzen Schöpfung giebt es einen Rückschritt, Alles reift der Vollendung zu. Die Wassertropsen, welche vom Himmel fallen, um scheinbar unterzugehen, vollenden sich zum Meere; der sterbende Wurm ersteht zum höhern Dasein als Schmetterling; die vom Thier zerstörte Wanze nimmt erst jetzt eine höhere Stufe als Theil eines thiertschen Organismus inne. Und in der Ent- Wickelung des Menschengeschtckes und des Menschengeistes zumal gilt es nur einem Fortschritt. Reiche entstehen und zerfallen, um anderen, würdigeren Platz zu machen; Nationen blühen auf und gehen unter, von anderen, lebenskräftigeren überstügelt; Ideen und Anstchten beherrschen die Geister, bis neuere, bessere zur Macht gelangen. Wie der Vater im Sohn, so lebt die Vergangenheit in der Gegenwart und wie der Sohn auf den Erfahrungen und Gütern des Vaters fortbaut, so baut sich die Zukunft auf aus dem Vergangenen und führt zur Vollendung weiter das Angefangene. Daß die Spitze des alten den Grund des neuen Baues bildet, ist ein Fortschritt; und wenn der neue Bau nicht gleich die verhältnißmäßtge Vollendüng erreicht, die der alte gesunden, so ist das nur eine ganz naturgemäße Folge der noch in neuen Verhältnissen ungewohnten Kraft — nur Kurzsichtigkeit kann darin einen Rückschritt erkennen. Zwiefach aber ist die Aufgabe, die das jüdische Volk in der Verbannung zu erfüllen hat; in zwiefacher Gestaltung der Verhältntsse hat es sich zu bewähren.