Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 4 (1857-1858)
- Issue
- Heft 4 (Januar 1858)
- Article
- Teweth
- Date
- 1858-01-01
- Page
- 173 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Fasttag. 173 mung. Nie ist daher der angeordnete Gottesdienst dringender nothwendig, als wenn wir am wenigsten dazu ״uns gestimmt fühlen", und nie hat das vorgeschriebene Gebet eine größere Sendüng an unS zu vollbringen, als, wenn uns am meisten die Gott zugewandte ״Andacht" fehlt. Schon das Junewerden jener mangelnden Stimmung, die uns zum Bewußtsein kommende Andachtlosigkeit, zeigt uns die ganze Entfernung unseres SeelenzustandeS von jener Höhe, die ihm gebührt, zeigt uns, in welch ungehörigem Maße uns andere Gedanken und Empfindungen gefangen halten müssen, daß ste uns für Stimmungen und Gedanken unempfänglich machen konnten, die wie Lebenslust zu uuserm geistigen Athmen gehören, und wenn jene Selbstcrkenntniß uns zur Höhe und Reinheit der Wiederempfängltchkett aufrüttelt, wahrlich so haben Gottesdienst und Gebet sich als unsere" Seclenärzte erwiesen. Nicht anders die ״obligaten" Fast- und Trauertage. Nicht weil vorausgesetzt ward, cs werde der Schmerz um die mit Jeruschalaim zu Grabe gegangene Vergangenheit, die Sehnsucht nach der nur mit Jeruschalaim wieder erstehenden Zukunft, Jahrhunderte, Jahrtausende lang von selbst uns also begleiten, von selbst uns also innewohnen, daß keine Gegenwart uns diesen Gefühlen entfremden und uns immer deS Sängers Hauch durchwehen werde: ״Vergesse ich dein Jeruschalaim, mag meine Rechte Alles vergessen!"; sondern eben weil dieses nicht vorausgesetzt ward, ward uns die Propheten-Mahnung: ״Stelle dir Denkzeichen, stifte dir Wehklagen"! Denn was sollten die Denkzeichen, wenn nicht Vergessenheit zu fürchten, was gestiftete, verordnete Klage, wenn der Schmerz von selbst aus dem Herzen zu Tage ringt, was Denkzeichen und Klage stiften anders, als eben der zu fürchtenden Vergessenheit und Gletchgiltigkri! entgegenwirken! Eben das Faktum, daß das Prophetenwort Denkzeichen und gestiftete Wehklagen fordert, beweist, daß die moderne Weisheit wenigstens der Propheten Wahrheit und Weisheit nicht ist. Nein! Wenn die Zeiten des Gedächtnisses und der Klage, die Israel ״sich gesetzt", in unfern Kreis wtederkehren, dann wollen sie nicht lediglich den vorhandenen Schmerz-, den vorhandenen Trauergefühlen einen Ausdruck verleihen, aus daß für Denjenigen, dem diese Schmerz- und Trauer-Gefühle völlig abhanden gekommen, 11 9