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Jeschurun · 1858-01-01 · Heft 4 (Januar 1858) · p. 172

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
4 (1857-1858)
Issue
Heft 4 (Januar 1858)
Article
Teweth
Date
1858-01-01
Page
172 (sequence 2)
Language
German
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172 Teweth. Fastenden und Trauernden vorüber! ״Trauert Ihr denn wirklich? Kommt euch denn der Seufzer vom Herzen? Ringt sich denn der Schmerz wahrhaft aus euerer Brust? Sind denn die Gefühle, die euere Gebete athmen, wirklich die Stimmung eueres Gemüthes? Wir mögen Gefühle nicht heuchle«, die unserm Innern fremd sind!" — Desto schlimmer für Euch, wenn diese Gefühle euch so völlig fremd geworden, wenn ihr so völlig in den Egoismus der Gegenwart verfunken seid, daß ihr an die Möglichkeit eines aufrichtigen Seufzers um die zu Grabe getragene Vergangenheit eures Volkes nicht mehr glaubet, wenn ihr dem Geiste des jüdischen Gotteswcrkcs auf Erden so abgestorben seid, daß euch Jeruschalaim - Zion für die Zukunft gar nichts mehr bedeutet. Desto schlimmer für Euch, und — desto gerechtfertigter der Schmerz und die Trauer um Zions Fall. Denn eben in euerer unwissenden, stolzen Gleichgiltigkeit geht Jeruschalaim - Zion zum zweitenmale zu Grabe. Es ist aber auch ohnehin diese ganze moderne Weisheit, dieser ganze moderne Begriff von der Bedeutung ״allgemeinen Fastens", ״allgemeinen Betens" sowie des ״Gottesdienstes" überhaupt die gedankenloseste Umkehrung der Wahrheit, die gedankenloseste Werkennung Dessen, was alle diese Veranstaltungen und Uebungen überall bedeuten können und was sie im Audenthum wirklich bedeuten. Für die Wahrheit, die bereits in unserm Geiste mit vollendeter Klarheit vorhanden, für die Gefühle und Empfindungen, die bereits rein und lebendig unser Gemüth erfüllen, bedürfen wir nicht des dargebotenen Wortes, kaum bedarf es da des Ausdrucks zwischeu uns und Gott, und wo wir dessen bedürfen, da verlangen wir nicht nach der von außen dargebotenen Rede. Was im Geiste und Gemüthe lebendig ist, findet, so weit cs lebendig ist, von selbst das entsprechende Wort. Vergessene Wahrheiten, entschwundene Gefühle und Empfindungen wieder unserm Geiste und Gemüthe näher zu bringen, und den vorhandenen Läuterung, Kräftigung, Veredlung, Nahrung und Erhaltung zu bringen, das ist der Zweck jedes angeordneten, vorgeschriebenen Gottesdienstes, das die Frucht seiner Erfüllung. Nicht dem vorhandenen Geistesleben Ausdruck zu gewähren, sondern das nicht vorhandene zu wecken, und dem vorhandenen eine nicht vorhandene Vollendung zu bringen, das ist seine erste und wesentlichste Besttm-

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