Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 4 (1857-1858)
- Issue
- Heft 3 (Dezember 1857)
- Article
- Kislew
- Date
- 1857-12-01
- Page
- 129 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Minorität. 129 müssen glaubt und dahin kommt, eine jede andere geistige Bestrebung als einen Feind ihrer eigenen Sache und als eine Gefahr für die Reinheit ttnd Treue ihrer Anhänger mit sorgenvoller Angst zu fürchten. Sie bedenkt nicht, daß, wenn sie im Besitze der Wahrheit ist, sie das Wahre in allen andern geistigen Bestrebungen nicht zu! fürchten, vielmehr in aller Wahrheit, wo immer sie gefunden werde, den entschiedensten Freund zu erwarten habe. Denn alle Wahrheit ist eins. Sie sieht nicht, daß es auch nicht das Wahre, daß es eben nur das in sich Unwahre, Falsche, von dem Aberwitz der Oberflächlichkeit ausstaffirte Hohle ist, das man ihr ans andern Gebieten zum schreckenden Popanz entgegen hält, dem sie nur darum die triumphirende Larve abzuretßen nicht im Stande ist, weil sie sich aus Unkenntniß, aus unbegründeter Scheu, ängstlich in der Ferne hält. Sie sieht endlich nicht, daß selbst die, ihrer inner» Wahrheit halber, ihr befreundetsten Disziplinen ein ihr so feindliches Antlitz gewonnen haben und gewinnen mußten, weil sie deren Anbau eben nur ihren Gegnern überließ, die diesen Anbau nur mit von ihren Parthei-Ansichten geblendetem Auge betrieben, und dessen Erndte nur im Interesse ihrer Partheibestrebungen ausgebeutet. Indem sie sich aber geistig isolirt, büßt sie alle jene Vortheile ein, die ihrer eigenen geistigen Entwickelung befruchtend zu gute kommen würden »nd verkürzt selber die Anerkennung ihrer eigenen Sache, die, wie jede Wahrheit, nicht durch ängstliche Scheu, sondern durch überwältigende Meisterschaft zum Siege gebracht werden kann. Noch trübere Folgen , trägt die Gefahr in ihrem Schooße, die wir die praktische Einseitigkeit genannt. Sic kann, gottlob, bei jeder Minorität nur vereinzelt Vorkommen, indem sic, in größerer Ausdehnung sofort die ganze sittliche Existenz der Minorität aufhe-- ben würde, die wir aber gleichwohl, eben ihrer Verderblichkeit halber, mit Wenigem anzudeuten uns nicht erübrigen können. Ist die Sache, welche eine Minorität vertritt, nicht rein theoretischer Natur, greift sic tief ins praktische Leben ein, fordert sie gebieterisch die Dahtngabe des praktischen Lebens an die Verwirklichung ihres Prinzips, ja, gewinnt sie eben in Gestaltung und Beherrschung der verschiedensten Seiten des praktischen Lebens ihr wirkliches, wahrhastiges Dasein, so muß in natürlicher Folge eine solche Minorität auf