Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 4 (1857-1858)
- Issue
- Heft 3 (Dezember 1857)
- Article
- Kislew
- Date
- 1857-12-01
- Page
- 128 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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128 KiSlew. bretteterer Erkenntniß in ihrem Kreise zu bringen. Wir haben in dieser regen, geistigen Beschäftigung mit ihrer Sache die erste Bedtngung ihrer Existenz erkannt und haben dieselbe als den bedeutcndsten Vortheil begrüßt, den eine Wahrheit aus der Pflege einer Minorität zu erhoffen hat. Allein eben diese geistige gänzliche Hingebung an ihre Sache führt die Minorität leicht zu einer geistigen Einseitigkeit, die sich leicht in vcrkümmertcrer Entfaltung ihres etgenthümlichen Geisteslebens in eignem Kreise, mehr aber noch in untüchtigerer, erfolgloserer Vertretung ihrer Sache nach Außen rächt, und somit jedenfalls der eigenen Sache selbst zu bedeutendem Nachtheil gereicht. Ze reicher an Licht und Wahrheit die Sache ist, die eine Minorität vertritt, je unerschöpflicher der Born ist, der sich ihr dort für ihre geistige Thätigkeit eröffnet, und je beglückender, Geist erleuchtend, Herz erwärmend, Leben gestaltend die Erkennt«iß ist, die ihr dort blüht, um so höher wird sie diese Erkenntniß schätzen — um so leichter aber auch dazu kommen, jede andere Kenntniß als entbehrlich, als völlig werthlos zu achten, ja, jede auf eine andere Erkenntniß gerichtete geistige Thätigkeit schon als eine Versündigung an ihrer Sache, als eine Schmälerung der ihr gebührenden Hingebung, als eine Beeinträchtigung ihrer Gerechtsame eifersüchtig zurückzuweisen. Sie bleibt aber bet dieser bloßen Geringschätzung anderer geistigcr Bestrebungen nicht stehen. Natürlich entgeht ihr die richtige Beurtheilnng und wahrheitsgetreue Würdigung aller jener geistigen Gebiete, die sic nicht anbaut-, deren Pflege sie aber im Kreise der ihr gegenüberstehenden Majorität mit eifriger Hingebung betrieben sieht, und kommt bald dazu das — aus Unkenutniß — zu fürchten, was sie zuerst ans bloßer Geringschätzung vernachlässigt. Weil sie diese geistigen Gebiete nicht kennt, weil sie ihrer Pflege vorzugsweise im Kreise ihrer Gegner begegnet, und weil sich ihre Gegner derselben in dem Kampfe gegen sie zu wohlfeilem, leichtem Siege bedienen, da es so leicht ist, sich einem Gegner in einem Gebiete überlegen zu zeigen, auf welchem dieser fremd ist, und aus Grundsatz fremd bleiben will, so ist nichts natürlicher, als daß die Minorität eine innere, enge Verwandtschaft dieser geistigen Erkenntnisse mit dem oppositionellen Gegensatz der Majorität vermuthet, ja in ihnen die Wurzel der von ihr beklagten Verirrung der Mehrzahl erkennen zu