Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 4 (1857-1858)
- Issue
- Heft 3 (Dezember 1857)
- Article
- Kislew
- Date
- 1857-12-01
- Page
- 122 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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122 KiSlew. UM so geringer und ferner ist noch ihre Hoffnung, sie dereinst Alle durch die ihr tnwohnende Macht zu gewinnen. Es ist nun zuerst das freilich natürliche, aber doch eigenthümliche Geschick einer jeden Minorität, daß mehr als irgendwo sonst in ihr von ihren Gegnern die Sache mit den Personen durchaus verselbert wird. Natürlich! Die Majorität, die, wie wir bemerkt, sich sehr bald kaum noch mit dem geistigen Inhalt ihrer eigene» Sache durchdrtngt, giebt sich noch viel weniger Mühe, die Sache ihrer Gegner in Wahrheit und Wirklichkeit kennen zu lernen. Sie beurtheilt die Sache der Minorität nur nach der Erscheinung, in welcher sie durch deren Träger zur Anschauung gebracht wird, und ist dann in der Regel so gedankenlos ungerecht, noch dazu ein jedes einzelne, beliebige, ihr zufällig zu Gesicht kommende Glied der Minorität als Repräsentant der kleinen Gesammtheit zu betrachten. Das ist das Geschick einer jeden Minorität. Das war z. B. das Geschick der jüdischen Minorität tu Mitte der großen Mlkermajorität seit Jahrtausenden. Man beurthetlte das Judenthum nach der Jndenheit und die Judenheit nach dem ersten besten Juden, der tu den Wurf kam. Und obgleich wir so viel unter dieser vorurthetlsvollen Gedankenlosigkeit gelitten, wiederholt sie sich doch heutzutage unter uns selber in den Parthetuungen, in welche die Judenheit selber im Innern auseinander getreten. Wir hätten dieses eigenthümltche Geschick der Minorität eigentlich zu ihren Lichtseiten zählen dürfen. Es ist ein Glück, ein nicht zu berechnendes Glück für die Sache der Wahrheit, wenn nicht nur die Gesammtheit ihrer Träger, wenn jeder Einzelne derselben der schärfsten Kritik der Gegner ausgesetzt ist, wenn Jeder es fühlt, wenn es Jedem zum Bewußtsein gebracht wird, daß die Ehre der Gesammtheit, ja daß die Ehre der Gesammtheitssache von der Gediegenhett und Tadellosigkeit jedes Einzelnen bedingt ist. Es ist das ein unendlicher Sporn für jeden Einzelnen, sich nicht gedankenlos gehen zu lassen, sich vor jeder Geistes- und Charakter-Verirrung zu hüten, um nicht durch seinen Einzelfehl seine Gesammtheit und ihre Sache zu gefährden. Es ist das eben die Eigenthümltchkett, die der jüdischen Minorität jene hohen Begriffe vom קידוש השם und חילול השם gebracht hat, die sich an das Geistes- und Thatenleben jedes Einzelnen knüpfen, die es jedem Juden tief tu die Seele ge-