Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 4 (1857-1858)
- Issue
- Heft 2 (November 1857)
- Article
- Zur jüdischen Schulfrage
- Date
- 1857-11-01
- Page
- 95 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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von Dr. M. Hirsch. 95 in dem Judenthume, das man ihn gelehrt, das waltende Prinzip sei! Oder man bewiese ihm, wie umgekehrt im Judenthume das Prinzip der Entwickelung, der Reform: uralt, wie ja die Propheten selbst die ersten Reformer gewesen, da ja nothwendig z. B. Jesatas, in dem gedruckt zu lesen: ״Ich habe kein Verlangen nach dem Blute der Stiere, Lämmer und Böcke", doch einen ganz andern Stand- Punkt eingenommen, eine viel höhere Idee von Gott gehabt haben müsse, als der den blutigen Opfern so viele Kapitel widmende Verfasser des Buches LeviticuS! Oder, um aus einem andern Gedankengange etwas herauszugreifen, man schilderte ihm die erquicklichen Bestrebungen der Orthodoxie in Kirche und Staat und fragte ihn dann ganz treuherzig, ob er wohl Verlangen nach ״solcher Orthodoxie" trage u. s. w. u. s. w. Wird er das Unrichtige, Richtsbewetsende dieser Einwände, die ihnen zu Grunde liegenden falschen Voraussetzungen durchschauen? — Denn vermag er das nicht, so sind nur zwei Fälle möglich. Entweder er erhebt sich bald zu der Einsicht, dass seine bisherigen ״religiösen Anschauungen" einem Standpunkt angehören, den der reife Verstand überwinden müsse — er ״überwindet"; oder aber er kann sich freilich jene Fragen nicht beantworten, jene Zweifel nicht lösen, die vermeinten Widersprüche nicht heben, seine bisherigen Anschauungen sind jedoch zu innig mit seinem ganzen bessern Selbst verwebt, als daß er sich von ihnen zu trennen vermöchte. Die Untersuchung, deren Ausgang er fürchtet, wird niedergeschlagen und es kommt nunmehr nur daraus an, jene Zweifel nicht aufkommen' zu lassen, an jene Widersprüche nicht zu denken. Aeußerlich, in seinem Thun und Lassen bleibt's derselbe Mensch, — aber aus seiner Seele ist jener Friede, jene Ruhe gewichen, die nur Dem beschteden, an dessen Geisteshimmel, einem lichtdurchstrahlten Aether, das Universum als eine Harmonie ״thatgewordener Gottesgedanken" sich abspiegelt. Er wird, seiner Hülflosigkeit gegen jene unüberbrückte Kluft, jene ungelösten Widersprüche nur zu wohl sich bewußt, den Muth zum selbstständigen Denken etngebüßt haben, wird seine geistige Thätigkeit fortan mehr den Specialitäten besonderer Fächer zuwenden, jeden freiem Aufschwung des Geistes jedoch, jede universalere Anschauung wird er meiden. Er ist müde, — erschlafft sind die Flügel, die ihn zu Adlershöhen hätten tragen sollen, — er ist alt geworden, vor der Zeit. — Es gehört eben