Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1856-1857)
- Issue
- Heft 7 (April 1857)
- Article
- Der Ghetto und die Juden in Rom
- Date
- 1857-04-01
- Page
- 364 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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A64 , Der Ghetto und die Juden in Rom. Paläste, welche, kolossal wie sie sind, zum Theil öde stehen, und von denen vielleicht einer genügte, die halbe Ghettojudenschast bestens zu behausen. In herrlichen Sälen wohnt das steinerne Volk der Statuen unter kühlen Springbrunnen. Die marmornen Reste des Alterthums sind bis auf die kleinsten Trümmer königlich logirt, die einzigen lebendigen Reste Roms, Menschen mit Vieles duldenden Herzen, wohnen in dem elendesten Schmutze. ' Glücklicher sind die Juden, welche den ober» Theil des Ghetto bewohnen, zumal die Via Rua. Diese heitere Straße, welche auch gute und wohnlichere Gebäude enthalt, ist gleichsam der Corso des Judcnviertels; denn auch bet gleichem Loose vor dem politischen Gesetz und selbst in der Sklaverei macht der Mensch das Recht der Ungleichheit geltend. In der Via Rua wohnen die Juden, welche das beste Dokument Gazzaga in der Tasche haben, selbst Häuser besitzen und wohlhabend sind. Hier findet man denn Kaufläden mit allen möglichen Tuchwaaren von dem gröbsten Linnenzeuge bis zu den kostbarsten Stoffen. Es giebt auch wohlhabende Juden; werden sie reich, so ziehen sie, wie man mir sagte, gern nach Toscana. Es ist auffallend, daß echt jüdische Namen nirgends zu lesen sind. Die Juden Roms nennen sich nach italienischen Namen, besonders der Städte, wie Asdrubale Volterra, Samuele Fiano, Pontecorvo, Gonzaga, und es ist komisch genug, sie solche stolz und fürstlich klingende Namen führen zu sehen. Auch ihre Sprache ist römisch; nur selten hörte ich Juden unter sich hebräisch reden; ihre Tracht unterscheidet sich nicht von der des römischen Volks, und selbst an ihrem Feste bemerkte ich kein einziges orientalisches Cvstüm. Ein Fest im Ghetto — wundersam erscheint diese Ironie, erwägt man die Geschichte wie die Lage der Judengemetnde, und lockend dürste ein solches Schauspiel gerade hier in Rom sein, wo ein Fest das andere drängt und wo ein schaubringender Tag den schon ermüdeten Fremden dem andern Festtage zuführt, der feiner schon wartet. Wenn nun auf den Straßen Roms diese großartigen Triumphfeste etnherztehen und alle Welt bewundernd und fröhlich sie mitgenießt, und wenn das Geld mit vollen Händen von dem Ueberfluß ausgegeben wird; wenn alle diese Plätze und Straßen in Blumen und Teppichen oder im Glanze der Lichter strahlen und von Caroffen und Fußgängern wimmeln, dann sitzt dunkel, anthetllos und festlos