Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1856-1857)
- Issue
- Heft 7 (April 1857)
- Article
- Der Ghetto und die Juden in Rom
- Date
- 1857-04-01
- Page
- 363 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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863 Von F. Gregorovius. Nadel emsig arbeiteten — Männer so gut als Weiber, Mädchen und Kinder. Das Elend starrt gesträubt aus dem wirren Haar und klagt aus dem braungelben Angesicht, und keine Schönheit der Gesichtszüge erinnert an Rahel und Lea oder Mirjam: nur bisweilen begegnet der Blick einem tief versunkenen, schwarzen, blitzenden Auge, das von der Nadel und dem Lappen aufblickt, als wollte es sagen: ״Es ist von der Tochter Zion aller Schmuck dahin. Die eine Fürstin unter den Heiden und eine Königin in den Ländern war, muß nun dienen. Sie weint des Nachts, daß ihr die Thränen über die Backen laufen: es ist Niemand unter allen ihren Freunden, der sie tröste; alle ihre Nächsten verachten sie und sind ihre Feinde geworden. Juda ist gefangen im Elend und schweren Dienst, sie wohnt unter den Heiden und findet keine Ruhe: alle ihre Verfolger halten sie übel. Wie hat der Herr die Tochter Zion mit seinem Zorn überschüttet!" Doch ist es nicht der Zweck dieser Blätter, Ghettomysterien des Elends auSzumalen und jene dunkle Lebensweise der Dürftigen in ihren von Menschen überfüllten Kammern zu beschauen; findet man doch allerwegen in den größten Städten der Erde und unter den civtlisirtesten Nationen Europas ein gleiches, wenn nicht ein größeres Jammerleben. Auch soll man nicht glauben, daß der Ghetto Roms, was Straßen und Wohnungen betrifft, an sich elender sei als ähnliche Viertel der Armuth in vielen andern Städten der Welt. Lieber sage ich, daß diese Juden Roms in ihrer Armuth reich sind an Menschlichkeit unter sich, daß der wohlhabende dem elenden gern hilft, daß der aufopfernde Familiengeist, das dauernde Erbe Israels nirgends so mächtig und wohlthätig sich zeigen möchte als dort, und daß es Thatsache ist, wie diese nüchternen-und fleißigen Menschen selten um Verbrechen willen gestraft werden. Was den Betrachter des Ghetto am meisten schreckt, ist wohl die fürchterliche Enge und der Schmutz dieser gewinkelten Gaffen und Gäßchen, deren Häuser hoch und schmal sich Heraufstrecken. Es sitzen darin die Zudenfamilien wie in einem römischen Columbartum übereinander geschichtet; und auffallend ist gerade hier in Rom eine solche Beengung menschlicher Wohnungen, in einer Stadt, welche, in endloser Ebene hingebreitet, selbst charakteristisch ist durch ungeheure Räume, durch große und erhabene Dimensionen in den Architekturen und durch Zi