Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1856-1857)
- Issue
- Heft 7 (April 1857)
- Article
- Der Ghetto und die Juden in Rom
- Date
- 1857-04-01
- Page
- 360 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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360 Der Ghetto und dt« Juden in Rom. rig 'bei so großer Enge und so großer Armuth. Gleichwohl wurde mir gesagt, daß die Sterblichkeit während des Chvlerajahrs 1837 im Ghetto sehr gering gewesen sei; mißt man sie nach den Leichensteinen der Juden, so erscheint die Zahl der Tobten dieses Volkes sehr gering; denn diese Weißen Steine mit ihren Inschriften stehen vereinzelt und wie ein ärmliches Häuflein der Verstoßenen beisammen, auf einer klassischen Stelle Roms, in einem Winkel des alten Circus maximus, mitten im wilden grünen Gras und unter gtftblumigen Schierling überraschend malerisch. Denn dort, in der ältesten, von Tarquinius Priscus gebauten Rennbahn Roms liegt heute der Judenkirchhof, Orto degli Ebrei genannt. So wandeln sich die Zeiten! ׳ Giebt es nicht eine wunderbare Ironie, welche auch das Oertliche in die Physiognomie von Menschen oder Dingen hineinzieht, daß sie von jenem wie von einer charakteristischen Atmosphäre umgeben werden? Ich habe dieses an den Dingen zu oft wahrgenom-- men, als daß ich es nicht bemerken und aussprcchen sollte. So fiel mir auch die charakteristische Physiognomie der Ghettoumgebung als eine solche auf, welche die Atmosphäre mit traurigen Vorstellungen durchdringt. Ich meine nicht einmal jenen judengeschichtlichen Porticus der Octavia, der nun verfallen im Koth starrt, den schwarzen Trümmerbogen öffnend auf die stinkende Prescaria, den ganz engen dunkeln Ftschmarkt, wo auf steinernen Platten Fische aufltcgen, Judenfastenspeise; noch meine ich die schwarzen Reste vom Theater des Marcellus, in dessen Trümmer die Savelli, einst weit ins Land hin schreckende Raubritter, ihren Palast hingebaut haben, und wo in Kerkern mancher Unglückliche endete; auch nicht die Erinnerung au Cola di Rienzi, welcher in der Nähe des Ghetto zu Hause war; es schwebt auf diesem Lokal der dunkle Geist seiner tragischen Geschichte. Lesen wir nur den Namen dort auf der an den Judenplatz hart anstoßenden Piazza: ״Platz des Weinens" heißt er von der Kirche Santa-Maria del Pianto; ein passender Name, ins Ghettovtertel zu dem jeremiadtschen Volke zu geleiten, dem das Weinen und das Klagelied Nationaleigenschaft (?) ist, und nie hat wohl ein Volk mehr geweint als diese Juden hier in Rom. Am Platz der Thräncn steht ein alter Palast zwischen zwei Kirchen. Auf der einen liest man die Inschrift, welche besagt, daß sie der Maria