Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1856-1857)
- Issue
- Heft 7 (April 1857)
- Article
- Der Ghetto und die Juden in Rom
- Date
- 1857-04-01
- Page
- 359 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 88% known words query
- IRI
…/2932754-2932835-2932843-2940919--02494-2940975- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
80זז F. VrrgoroviuS. itt dieser Stadt der Erinnerungen. Dort sieht man daS malerische Trastevere mit seinen alten Architekturen und zersplitterten ThürMen, sieht über dem Fluß die römischen Bogen des Ponte rotio und darüber den schönen Vestatempel, den alten Thurm der Santa-Maria in Cosmedin, die riesigen Trümmer der Kaiserpaläste mit ihren schwarzen Cypressen und in der Ferne die Gipfel des Albanergebirgs: vor sich aber sicht Mün die Häuserreihe des Ghetto, thürmartige Massen, bizarr gebaut, nüt vielen Blnmenscherben an den Fenstern und zahllosem, an die Wände gehängtem Hausrathe, der Reihe Nach aus dem Fluß aufstetgend, dessen trübe Wellen an den Mauern Hinrollen. Mit wenigen Schritten ist Man von der Brücke in den Ghetto htnuntergctreten, der sich tief absenkt, wo nun das Volk Israel an den Wellen des Tiber seine Harfen aufgehängt hat, wie einst an den Wogen des Euphrat. Als ich den Ghetto zum erstenmal besuchte, war der Tibcrflnß, vom Herbstwasser angeschwollen, gerade ausgetreten und seine gelbe Flut strömte durch die Fiumara, die unterste Ghettostraße, deren Häuserfundamente unmittelbar als Quai den Strom selbst einsassen; es strömte der Fluß auch am Bogen der Octavia und das Wasser bedeckte die untern Räume der am tiefsten stehenden Häuser. Welch ein unsäglich melancholischer Anblick, daS elende Zudenvtcrtel in den trüben Tiberflutcn versunken zu sehen! Alljährlich geschieht es, daß Israel in Rom die Sündflut an sich erleben mnß und daß der Ghetto in den Wellen schwimmt wie die Arche Noah mit Menschen und Gethker. Bisweilen steigt die N-oth fürchterlich, wenn der Tiber, vom Schnee der Berge und der Regcnfluth schwellend, noch durch den Westwind vom Meer zurückgetrteben überströmt; dann flüchtet sich, was zu Unterst wohnt, in die obern Stocke, welche sich unerträglich anfüllen und von erstickender Atmosphäre sich dnrchpestcn. Das lluglück ist größer, weil die Nahrung und der Erwerb stockt und die Fluth verwüstet, was nicht rettbar ist. Man zeigte Mir im Ghetto die Marke, welche den Wasserstand des Tiber während der großen Ueberschwemmung vom Jahre 1846 bemerkt; die Fluth hatte damals alle untern Zimmer bis zur Decke angesüllt. In verwichenem Herbst und in diesem Frühjahr war der Tiber nur für kurze Zeit ausgetreten, doch dünkte mich auch diese Noth bereits höchst empfindlich für das arme Volk und ihre unausbleiblichen Folgen äußerst trau-