Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1856-1857)
- Issue
- Heft 4 (Januar 1857)
- Article
- Briefe des Hernn B. Gradis in Bordeaux
- Date
- 1857-01-01
- Page
- 206 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2932754-2932835-2932840-2940603--02251-2940690- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
206 3. Brief des Herrn B. Gradls in Bordeaux. Diese Taktik, die vielleicht achtbare Persönlichkeiten täuschen mag, verdient signalisirt zu werden. Unsere Grands Rabbins werden dagegen auf ihrer Hut sein. Gestatten sie dem Strom den Deich zu verletzen, so wird er zuletzt Alles fortreißen. Die Religion in ihrer Ganzheit muß unverletzlich gehalten werden. Denn wo wird man mit den Veränderungen inne halten? Wir leben in einer Zeit, in welcher nur Verstümmelung, oder was den Sinnen und der Eitelkeit schmeichelt, einer indifferenten und religionsarmen Masse gefallen kann. Es ist ganz natürlich, daß man das verändern möchte, was den Stab über uns bricht. Das Leben einer großen Anzahl Israeliten ist von dem Leben der Christen nur noch in dem Augenblick unterschieden!, wo sie die Synagogen betreten. Die Verschmelzung kann nicht mehr weiter geführt werden, wenn man nicht auch in die heiligen Stätten Nachahmungen der katholischen Ceremonien dringen ließe. Wenn es so vieler Anstrengungen bedarf, auch nur die ausdrücklichsten religiösen Vorschriften aufrecht zu halten, ist es da an der Zeit, irgend einen Punkt unseres Kultus und unserer Gebräuche der Diskussion zu unterziehen? Geistliche Versammlungen sind gefährlich, so oft sie nicht durchaus unumgänglich nothwendig find. Da unsere Religion niedergeschrieben, und daher den Schwankungen der menschlichen Willkühr entzogen ist, so bedarf sie zu ihrer Erhaltung nicht solcher künstlicher, kostbarer und Unzuträglichkeiten bereitender Hülssmittel. Die Rabbiner-Conferenz, welche in Folge der Berufung des Central-Consistoriums zusammentreten soll, wird höchstens aus zehn Rabbinern bestehen, welchen man gestatten wird, Fragen jeder Art zur Sprache zu bringen. Um uns über die Güte der zu erwartenden Entscheidungen zu beruhigen, sagt man uns, die ihnen vorzulegenden Punkte seien nur von geringer Wichtigkeit. Allein, da man sie uns nicht im Voraus mittheilt, da ferner bereits sonst schon sehr bedeutende Veränderungen angenommen worden sind, ohne daß man davon vorgängig auch nur die geringste Erwähnung gemacht hatte, so ist nicht zu bezweifeln, oder es ist wenigstens;11׳ fürchten, däß sobald einmal die Entscheidung abgegeben ist, man׳ sich dann bemühen werde, ihr die Hülfe des weltlichen Arms zu