Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1856-1857)
- Issue
- Heft 4 (Januar 1857)
- Article
- Briefe des Hernn B. Gradis in Bordeaux
- Date
- 1857-01-01
- Page
- 205 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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3. Brief des Herrn B. Gradls in Bordeaux. 205 gelegt sind, die bis in ^die fernste Vorzeit hinaufreicht, können von Seiten der Orthodoxen, die sie für vollkommen halten, nicht der geringsten Discussion und Controverse Raum geben. Sie können sie nur erfüllen und höchstens durch Vorstellungen sich bemühen, diejenigen zurückzuführen, die sich von ihnen entfernen wollen. Ein Einwurf, den man von diesen ain häufigsten hört, ist der, daß doch in unserm Kultus, wie sie meinen, nicht Alles göttliche Institution wäre und dieser Meinung bedienen sie sich, um darauf die Forderung zu gründen, nun Alles in der Religion zu ändern, was ihnen misliebig ist. Sie vergessen aber, daß in der Religion wie in der Jurisprudenz auch die Gewohnheit eine Quelle des Gesetzes sei, und Gebräuche, die von undenklicher Zeit datiren, eine heilige Weihe erhalten — — — — Um die Aufrichtigkeit ihrer Gesinnungen zu beweisen, müßten sie jedoch wenigstens diejenigen Theile der Religion mit gewissenhafter Pünktlichkeit erfüllen, die auch sie als göttliche Institution anerkennen wollen — — In unserm Religionskultus ist das gottesdienstliche Ritual, mit Ausnahme des ״Höre Israel", ein menschliches Werk. Dieses Ritual, welches seit der Zerstörung des Tempels die Opfer ersetzt, hat die Billigung und Verehrung aller Israeliten erhalten. Sie haben es sich von Geschlecht zu Geschlecht vererbt und haben ihm dadurch eine besondere Weihe ertheilt. Mit welchem Rechte wollten nun diejenigen, die nur eine verschwindende Minorität bilden, darin Abänderungen nnd Veränderungen bewirken? Wir hindern sie nicht, für sich allein ganz nach ihren Belieben zu verfahren, sie haben volle Gewissensfreiheit; allein wir erkennen ihnen nicht das Recht zu, ihre Meinungen ander», und am allerwenigsten der Synagoge aufzudrängen. Man täusche sich nicht, es ist nicht dieses Ritual, welches ja auch den Christen ihre schönsten Gebete geliefert hat, es sind auch nicht einige Verschiedenheiten, welchen bisher noch Niemand eine besondere Wichtigkeit beigelegt hat, nein, es sind die sie genirenden religiösen Vorschriften, auf welche die Reformatoren es abgesehen haben. Sie möchten irgend eine noch so unwesentliche Parthie des Gottesdienstes, und wäre es eine Formel, und wäre es ein Wort, zerstören oder verändern, um dann mit dieser Zerstörung gewaffnet eine weitere Zerstörung zu fordern und so Wetter irsis Unendliche.