Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1856-1857)
- Issue
- Heft 4 (Januar 1857)
- Article
- Briefe des Hernn B. Gradis in Bordeaux
- Date
- 1857-01-01
- Page
- 204 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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204 3. Brief des Herrn B. Gradis in Bordeaux. menschliche Vernunft dem ganzen Ungefähr aller Verirrungen ungehemmt überläßt. Alle Subtilitäten bei Seite gelassen, ist unser Religionskultus entweder vollkommen, das heißt, von Gott offenbart, oder er ist es nicht. Ist er vollkommen, so ist nichts daran zu ändern. , Ist er unvollkommen, so hört er auf obligatorisch zu sein, man kann sich seinen Gesetzen entziehen, aber man kann sie nicht umgestalten, so lange man dazu nicht eine göttliche Mission empfangen hat, die man Nachweisen müßte. Wir glauben doch nicht, daß in unserer Zeit irgend Jemand den Ehrgeiz besitze, unter den Jmpostoren und falschen Propheten zu figuriren, die die Leichtgläubigkeit der Menschen ausgebeutet haben. Wir gestehen indessen, wir glauben nicht an die göttliche Inspiration der Neuerer, die seit einiger Zeit uns ihre Utopien mittheilen. Ihre Systeme führen nur zu Verstümrnelungen, oder zu Nachahmungen der pompösen und weltlichen Formen des Katholicismus. Was die andern Reformatoren betrifft, die mit ihren Gedanken noch zurückhalten, ohne sie zu definiren, so möchten wir ihnen sagen, daß die Religion eine Sache sei, die man auch nur im Geringsten anzutasten sich wohl hüten müßte, und daß in einer Zeit, in welcher eine große Anzahl Israeliten die Feste und die mit höchstem Ernst gebotenen religiösen Pflichten außer Acht lassen, es wahrlich eine Verwegenheit wäre zu glauben, daß ihre Vorschnften, wie schön sie auch sein mögen, einen Gehorsam finden werden, den man der Bibel versagt. ' Wir haben oft, um eineit Beweis unserer Toleranz und Ver- ■. söhnung zu geben und um wenigstens einen Theil ihrer religiösen Pflichtgemäßheit aus dem allgemeinen Schiffbruch zu retten, diejenigen unsrer Brüder, die das ganze göttliche Gesetz zu schwer finden, gebeten, sich doch wenigstens an eine strikte und buchstäbliche Erfüllung der Zehngebote zu halten. Aber vergebens. Der Widerwillen, den wir bei den Einen, die Kälte, die wir bei den Andern gefunden, beweist uns, daß es wahrlich nicht die geeignete Zeit ist, auf menschliche Autorität, neue Dogmen zu gründen. Unsere Religion und unsere religiösen Uebungen, die in dem Talmud und mehr noch in unseren Sitten durch eine Praxis nieder-