Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1856-1857)
- Issue
- Heft 4 (Januar 1857)
- Article
- Briefe des Hernn B. Gradis in Bordeaux
- Date
- 1857-01-01
- Page
- 203 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Briefe des Herrn B. Gradis in Bordeaux. Dritter Grief. Zur Abkürzung und Erleichterung unserer Arbeit erlauben Sie mir, den Ihnen bereits vorgelegten Betrachtungen noch einige hinzuzufügen. Da unsere Rabbiner weder unsere Religion noch unfern Kultus — worunter, wir die praktische Ausübung der Religion verstehen — gemacht haben, so haben sie auch nicht das Recht sie umzugestalten. Denn dann würden sie über dem Gesetze stehen. Als göttliche Institution kann unsere Religion und deren praktische Erfüllung im Kultus nur dnrch eine zweite, eben so öffentliche Offenbarung wie die erste modificirt werden. Das haben von jeher alle Rabbiner und selbst die Christen sehr wohl begriffen. Deren übereinstimmende Ueberzeugung stützt uns daher gegen die Neuerer, die uns ihre Anschauungsweisen ausdrängen möchten, ohne auf einen andern Berechtigungsgrund für diese Anmaßung hinweisen zu können, als die Ueberlegenheit ihrer Vernunft. Wohl kann auch unser Religionskultus Veränderungen dadurch erleiden, daß Einiges mit der Zeit außer Uebung kommt; aber da diese Vernachlässigung die Schuld der Gesammtheit ist, so kann darüber den Einzelnen kein Vorwurf treffen, und sie kann in jeden! Augenblick wieder gut gemacht werden. Vergebens bemüht man sich im Uebrigen einen täuschenden Mittelstandpunkt zwischen dem Judenthum und dem Nichtjudenthum in dem Skepticismus und dem Jndifferentismus zu finden, wie dies einige halb philosophische, halb religionsgläubige Israeliten vorgeben, die sich der Verbreitung von Ansichten widmen, welche in dem Vaterlande Luthers entstanden, schon Anarchie und Spaltung in die Gemeinden Englands, Deutschlands und Preußens gebracht. Sie sehen nicht, haß ihre Doktrinen geraden Wegs zum Deismus und zum Gotte Epikurs führen, der alles erlaubt, der gar nichts fordert und die schwache